Volumenprofil: POC, Value Area und Profilformen richtig lesen
Das wirst du lernen:
- Was ein Volumenprofil zeigt und warum es das Gegenteil von Fibonacci ist
- Die Bausteine: POC, Value Area, VAH, VAL, HVN und LVN
- Welches Profil du in TradingView nutzt und wie du es richtig anlegst
- Wie du mit den Profilformen P, b und D Pullback und Wende unterscheidest
Stell dir vor, du wüsstest vorab, wo ein Markt bei einer Korrektur mit erhöhter Wahrscheinlichkeit reagiert – nicht aus dem Bauch, sondern auf Basis dessen, was dort tatsächlich gehandelt wurde. Genau das zeigt dir das Volumenprofil. Und nein, das ist kein Geheimwerkzeug: Die Idee dahinter ist über 40 Jahre alt.
Es gibt keine Geheimnisse am Markt. Was es gibt, sind Bereiche, an denen der Markt mit höherer Wahrscheinlichkeit reagiert als an anderen. Das Volumenprofil macht diese Bereiche sichtbar – und hilft mir vor allem bei der Frage, ob eine Korrektur ein Pullback oder der Beginn einer Wende ist.
Was ist ein Volumenprofil?
Definition
Ein Volumenprofil (Volume Profile) zeigt das gehandelte Volumen nicht pro Zeiteinheit, sondern pro Preisniveau – als horizontale Balken an der Preisachse. So siehst du, auf welchen Preisen viel und auf welchen wenig gehandelt wurde.
Du kennst das Volumen-Histogramm unter dem Chart aus dem Beitrag zum Volumen im Trading. Es zeigt, wie viel pro Kerze gehandelt wurde. Dreh es gedanklich um 90 Grad und leg es an die Preisachse – das ist das Volumenprofil. Dasselbe Rohmaterial, nur nicht nach Zeit, sondern nach Preis geschnitten.
Warum mir das so wichtig ist: Die Zeit auf der X-Achse läuft immer gleichmäßig weiter, sie ist keine echte Variable. Variabel ist nur der Preis auf der Y-Achse. Das Profil konzentriert sich genau darauf – ohne Verfälschung durch eine diagonale Zeitkomponente.
Der entscheidende Unterschied zu Fibonacci
Fibonacci-Retracements berechnen sich ausschließlich aus der Länge einer Strecke. Du könntest sie in einen leeren Chartbereich legen, in dem der Kurs nie war – die Linien wären trotzdem da. Das Volumenprofil ist das exakte Gegenteil: In einem leeren Bereich zeigt es nichts an, weil dort nichts gehandelt wurde. Das eine trägt eine Strecke an, das andere zeigt reales Volumen. Der Unterschied ist riesig.
Die Bausteine: POC, Value Area, VAH, VAL, HVN und LVN
| Begriff | Bedeutung | Merke |
|---|---|---|
| POC – Point of Control | Preisbereich mit dem meisten gehandelten Volumen | meist eine Seitwärtsphase: viel Volumen, wenig Bewegung |
| Value Area | Bereich um den POC, in dem rund 70 % des Volumens gehandelt wurden | der „faire Preis“ aus Sicht der Marktteilnehmer |
| VAH – Value Area High | obere Kante der Value Area | Grenze zwischen fair und abgelehnt (oben) |
| VAL – Value Area Low | untere Kante der Value Area | Grenze zwischen fair und abgelehnt (unten) |
| HVN – High Volume Node | dicker Volumenbereich | klebt – hier wird der Preis gehalten |
| LVN – Low Volume Node | dünner Bereich, fast ein Loch im Profil | fliegt – kein Halt, der Kurs rutscht durch |
Meine Regel
Viel Volumen klebt. Wenig Volumen fliegt. Wo viel gehandelt wurde, wird der Preis festgehalten. Wo wenig gehandelt wurde, läuft er in irgendeine Richtung weiter. Wenn du dir nur einen Satz merkst, dann diesen.
Warum ausgerechnet 70 Prozent?
Die 70 % sind kein ausgedachter Wert. Lässt man einen Markt ohne extreme Eingriffe von außen laufen, ordnet sich die Handelsaktivität von selbst annähernd zu einer Glockenkurve – einer Normalverteilung. Innerhalb von einer Standardabweichung um die Mitte liegen dort rund 68 % aller Werte. Die Value Area entspricht also grob einer Standardabweichung um den POC. Statistik, kein Geheimnis.
Volume Profile und Market Profile: woher das Ganze kommt
Die Idee stammt von J. Peter Steidlmayer, Händler an der Chicago Board of Trade (CBOT). Er begann Anfang der 1980er, die scheinbar chaotischen Daten aus dem Handels-Pit zu strukturieren – anfangs mit Stift und Zettel. Zusammen mit der CBOT entwickelte er daraus das Market Profile, das Mitte der 1980er öffentlich vorgestellt wurde.
| Market Profile | Volume Profile | |
|---|---|---|
| Gemessen wird | Zeit: Wie lange war der Preis wo? (TPO) | Volumen: Wie viel wurde wo gehandelt? |
| Frage | Wo hat der Markt die meiste Zeit verbracht? | Wo wurde das meiste Volumen umgesetzt? |
Die Berechnung ist eine andere, das Ergebnis aber sehr ähnlich – und vor allem die Erkenntnisse daraus sind dieselben. Ich arbeite volumenbasiert.
Welches Profil in TradingView? Die Typen im Überblick
| Typ | Was es zeigt | Wofür |
|---|---|---|
| Session Volume Profile | ein Profil je Handelssitzung | Daytrading innerhalb der Session |
| Fixed Range Volume Profile | fester, von dir gewählter Bereich | ein abgeschlossenes Impulsbein einfrieren |
| Anchored Volume Profile | ab einem Ankerpunkt bis zur aktuellen Kerze | den laufenden Swing verfolgen |
| Visible Range Volume Profile | alles, was gerade im Bildausschnitt sichtbar ist | schneller Überblick |
| Periodic Volume Profile | ein Profil je Zeitraum, z. B. Woche | wiederkehrende Perioden vergleichen |
Ich nutze das Anchored Volume Profile und für die Pullback-Frage zusätzlich das Fixed Range. Die Session-Variante ist für meinen Ansatz im Tageschart ungeeignet, weil sie den Zeitraum automatisch auf eine Handelssitzung legt.
Das Volumenprofil richtig anlegen
- Werkzeug wählen: das verankerte Volumenprofil aus der linken Werkzeugleiste in TradingView.
- Den richtigen Swing finden: Relevant ist der aktive mittelfristige Swing – also die Trendbewegung, die du auch tatsächlich handeln willst. Wie ich Trends bestimme, steht in der Trendanalyse.
- Antragen: vom Start dieser Bewegung bis zur aktuellen Kerze.
- Mitziehen: Läuft der Kurs über das bisherige Hoch hinaus, verlängerst du das Profil einfach. Spannend wird es erst, wenn die Korrektur beginnt.
Hinweis
Leg das Profil nicht über einen zu langen Zeitraum. War der Kurs in einem Bereich schon mehrfach – etwa vor Jahren und jetzt wieder –, überlagern sich alte und neue Volumina. Das Profil wird unscharf und schwer lesbar. Deshalb nur den aktuellen, relevanten Swing antragen.
Profilformen: P, b und D – und warum der Trend entscheidet
Betrachtet man nicht einzelne Levels, sondern das ganze Profil als Form, gibt es im Kern nur drei:
- D – die Glocke: Volumen in der Mitte, dünn an beiden Enden. Das ist eine Seitwärtsphase ohne Richtung. Da ich Trends nach Korrekturen handle, ist D für mich kein Jagdrevier.
- P – Volumen oben: Der Volumenberg sitzt oben und wird nach unten dünner.
- b – Volumen unten: Der Berg sitzt unten, nach oben wird es dünn.
Hier machen viele Tutorials einen Fehler: „b ist bärisch“ stimmt so nicht. Der Buchstabe sagt nur, wo der Wert sitzt. Was er bedeutet, entscheidet der Trend.
| Aufwärtstrend (Long) | Abwärtstrend (Short) | |
|---|---|---|
| Frisch und unbestätigt | b – der Wert klebt noch unten am Start | P – der Wert klebt noch oben am Start |
| Gesund und bestätigt | P – der Wert ist mit hochgewandert | b – der Wert ist mit runtergewandert |
| Korrektur ist ein … | Rücklauf nach unten | Bounce nach oben |
| Einstiegskante | VAL (untere Kante) | VAH (obere Kante) |
Die Faustregel dahinter: Wert, der in Trendrichtung mit dem Kurs wandert, ist gesund. Wert, der am Ursprung kleben bleibt, ist verdächtig. Hat ein frischer Long-Swing unten einen großen Volumenberg und darüber nur dünnes Volumen, heißt das nicht „stark, nichts im Weg“. Es heißt: Der Kurs hat die höheren Preise nur besucht, nicht angenommen.
Das Profil ist ein Film, kein Foto
Entscheidend ist nicht die Form, sondern ihre Bewegung. Es gibt zwei Ausgänge: Beim Shift hält der schnell erreichte Preis, oben baut sich Volumen auf, aus der b wird eine P. Der Markt nimmt die neuen Preise an – der Trend lebt. Beim Spike passiert oben nichts, das Volumen bleibt unten kleben. Der Kurs war nur kurz da und fällt zurück zum Wert – tiefe Korrektur oder Wende.
Um das objektiv zu sehen, lege ich zwei Profile übereinander: ein Fixed Range über das abgeschlossene Impulsbein, das eingefroren bleibt, und ein Anchored vom Start des Beins bis heute, das mit jeder Kerze weiterläuft. Wandert das Anchored über das Fixed, nimmt der Markt die Preise an. Sackt es zurück, lehnt er sie ab. Tipp: Farben trennen und bei beiden VAH und VAL einblenden.
Die Einstiegskante: VAL und VAH – nicht der POC
Für einen Einstieg interessiert mich die Kante der Value Area, nicht der POC. Im Long läuft die Korrektur von oben in die VAL, im Short läuft der Bounce in die VAH. Der POC sitzt mitten im fairen Preis. Er ist ein Magnet, keine Wand: Der Kurs schneidet ständig durch ihn hindurch, jeder Stop würde vom normalen Rauschen ausgelöst. Die Kante dagegen ist die Grenze zwischen „hier ist Wert“ und „hier ist nichts“ – die einzige Stelle mit einer echten Entscheidung.
Die feste Linie lese ich immer am Fixed Range ab. Das Anchored verändert sich laufend und liefert deshalb nie das Niveau, nur die Tendenz. Und ich handle nicht mitten in den fairen Preis hinein: Steigt man in einen POC ein, während der Kurs noch drinsteckt, passiert meist schlicht nichts.
HVN gefolgt von LVN: wichtig fürs Management
Schau dir an, was unter einem HVN kommt. Folgt direkt ein LVN, also kaum Volumen, dann gilt: Hält der HVN nicht, rasselt der Kurs weiter – es ist niemand da, der kauft. In so einer Situation ergibt es keinen Sinn, eine Position ewig ins Minus laufen zu lassen. Mein Tipp: Leg das Profil über deine alten Verlusttrades. Oft siehst du, dass du Positionen in Bereichen gehalten hast, in denen längst kein Volumen mehr lag.
Die ehrlichen Grenzen des Volumenprofils
- Frische, steile Bewegungen: Liegt der ganze Wert noch am Ursprung, gibt es unter dem Kurs keine Volumenzone. Dann liefert das Profil kein brauchbares Einstiegsniveau. Schalte nicht in einen kleineren Zeitrahmen, um eine Zone zu „finden“ – du findest dort nur Rauschen.
- Die Datenfrage: Bei Forex und CFDs arbeitest du mit Tick-Volumen des Brokers, nicht mit echtem Börsenvolumen. Für den Tageschart ist das eine brauchbare Annäherung, für Minuten-Trading nicht. Details beim Volumen im Trading.
- Kein Selbstläufer: Das Profil ist ein zusätzlicher Baustein in der Analyse. Ich steige nicht ein, nur weil eine Kante berührt wird.
Was ich nicht mache: Mean Reversion
Es gibt einen zweiten, ganz anderen Ansatz mit dem Volumenprofil: Mean Reversion. Dabei handelt man an der VAH oder VAL und zielt jeweils zurück zum POC – eine Art Pingpong in der Range. Das ist valide und lässt sich handeln. Aber es ist ein Seitwärtsansatz, und ich will Trendbewegungen mit sauberen Wiedereinstiegen.
So nutze ich das Volumenprofil
Das Volumenprofil ist für mich ein Bestätigungswerkzeug. Die Entscheidung fällt an der Zone – das Profil zeigt mir, ob hinter dieser Zone echtes Volumen steht, ob die Korrektur ein Pullback ist oder eine Wende droht, und wo ich im Management keine Gegenwehr mehr erwarten kann. Wie ich Profil und Formen im Detail lese, erkläre ich in Staffel 2 des Podcasts in zwei aufeinander aufbauenden Folgen.
Podcast
POC, Value Area, VAH und VAL – und wie du das Profil richtig anlegst – zeige ich dir in dieser Folge als Video:
Was die Forschung sagt
⚪ Nicht untersucht. Zum Volumenprofil und zum Market Profile gibt es keine Studien mit Peer Review. Verwandte Forschung stützt das Grundprinzip: Orderfluss und Volumen erklären kurzfristige Kursbewegungen (Evans und Lyons 2002, Cont und Kollegen 2014), und an Preisniveaus mit vielen Aufträgen reagieren Kurse häufiger (Osler 2000, 2003). Ob sich daraus nach Kosten ein Vorteil ergibt, ist nicht belegt.
Alle Studien und die Evidenz-Ampel für jedes Konzept: Funktioniert Charttechnik? Was die Forschung sagt.
Häufige Fragen zum Volumenprofil
Was ist der Point of Control?
Der Point of Control (POC) ist das Preisniveau, an dem im betrachteten Zeitraum das meiste Volumen gehandelt wurde. Meist ist er eine Seitwärtsphase: viel Volumen, wenig Bewegung. Als Einstiegsniveau eignet er sich schlecht, weil der Kurs ständig durch ihn hindurchläuft.
Was bedeutet die Value Area?
Die Value Area ist der Bereich um den POC, in dem rund 70 % des Volumens gehandelt wurden – grob eine Standardabweichung. Sie gilt als fairer Preis. Ihre Kanten heißen Value Area High (VAH) und Value Area Low (VAL).
Welches Volumenprofil nutze ich in TradingView?
Für Trends im Tageschart das verankerte Volumenprofil (Anchored Volume Profile), angetragen vom Start des aktuellen Swings bis heute. Für die Frage „Pullback oder Wende?“ zusätzlich ein Fixed Range Volume Profile über das abgeschlossene Impulsbein.
Funktioniert das Volumenprofil bei CFDs und Forex?
Eingeschränkt. Dort gibt es nur das Tick-Volumen des Brokers, kein echtes Börsenvolumen. Für den Tageschart ist das eine brauchbare Annäherung, für sehr kurzfristiges Trading nicht. Echtes Volumen gibt es bei Futures und Aktien.
Was ist der Unterschied zwischen Volume Profile und Market Profile?
Das Market Profile von J. Peter Steidlmayer misst, wie lange der Preis wo war (Zeit). Das Volume Profile misst, wie viel wo gehandelt wurde (Volumen). Die Berechnung unterscheidet sich, die Aussagen daraus sind sehr ähnlich.
Du kannst jetzt lesen, wo gehandelt wurde. Im nächsten Schritt geht es darum, wer gerade handelt und wie aggressiv: Orderflow, Orderbuch und Footprint.