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Technische Analyse
Volumen
Orderbuch
Fortgeschritten

Volumen im Trading: Was das Volumen verrät, das der Preis verschweigt

Das wirst du lernen:

  • Was Volumen ist und wie du das Volumen-Histogramm richtig liest
  • Warum die Farbe des Volumenbalkens kein Signal ist
  • Wo du echtes Volumen bekommst – und wo nur Tick-Volumen
  • Wie du mit Aufwand und Ergebnis, Divergenzen und Zonen arbeitest

Eine Kerze zeigt dir nur das Ergebnis: wohin der Kurs gelaufen ist. Sie sagt dir nichts darüber, wie viel Überzeugung dahintersteckte, wie umkämpft die Bewegung war oder ob du gerade angelogen wirst. Genau das liefert das Volumen.

Ein Bild dazu: Der nackte Chart zeigt dir das Ergebnis eines Fußballspiels. Das Volumen zeigt dir, wie viele Leute im Stadion saßen – WM-Finale mit vollem Rang oder Kreisliga mit 100 Zuschauern. Der Preis sagt, was passiert ist. Das Volumen sagt, wie viel dahintersteckte.

Was ist Volumen im Trading?

Definition

Volumen ist die gehandelte Menge pro Zeiteinheit – bei Aktien Stück, bei Futures Kontrakte. Im Tageschart zeigt jeder Balken, wie viel an diesem Tag tatsächlich umgesetzt wurde. Es zählen nur ausgeführte Trades, nicht die Orders, die im Orderbuch liegen.

Stell dir das Volumen wie den Treibstoff einer Rakete vor: Solange genug da ist, hat die Bewegung Schub. Geht er aus, verliert sie an Kraft. Dass Volumen und Kursbewegung zusammenhängen, ist übrigens keine Chartsage, sondern eine der am besten belegten Regelmäßigkeiten der Finanzmärkte.

Das Volumen-Histogramm lesen: Farbe ist kein Signal

In TradingView sitzt das Volumen standardmäßig als Histogramm unter dem Chart. Der häufigste Irrtum: Eine grüne Volumenkerze heißt nicht „gekauft“. Jeder Trade hat immer einen Käufer und einen Verkäufer. Wenn du 50 Kontrakte kaufst, hat dir jemand genau diese 50 verkauft. Die Farbe des Balkens kommt einzig von der Kerze darüber – rote Kerze, roter Balken. Sie sagt nichts darüber, wer „gewonnen“ hat.

Was zählt, ist die Höhe des Balkens. Ein Balken deutlich über dem Durchschnitt der letzten Kerzen zeigt überdurchschnittliche Beteiligung, ein sehr niedriger Balken wenig Interesse.

Tipp

Färbe dein Volumen-Histogramm nicht rot und grün, sondern neutral – zum Beispiel blau und gelb. Dann verleitet dich die Farbe nicht zu falschen Schlüssen, und du achtest nur noch auf das, was zählt: die Höhe.

Warum sich der Preis bewegt: Aggression statt Menge

Wenn jeder Käufer einen Verkäufer findet – warum bewegt sich der Preis dann überhaupt? Nicht die Menge bewegt ihn, sondern die Aggression. Stell dir vor, zehn Leute wollen eine Aktie bei 100 kaufen und legen dort ihre Limits hin. Solange alle geduldig warten, bleibt der Preis stehen. Verliert einer die Geduld und kauft sofort, auch teurer, frisst er die nächsthöheren Verkaufsangebote weg. Es bleibt ein Käufer zu einem Verkäufer – aber durch die Ungeduld wird nach oben weggekauft.

Absicht gegen Tatsache

Hier liegt der entscheidende Unterschied: Eine Limit-Order im Orderbuch ist eine Absicht. Sie bewegt nichts und kann jederzeit wieder gelöscht werden – wie ein Routenplan im Navi, der erst real wird, wenn du losfährst. Der ausgeführte Trade ist die Tatsache. Und nur Tatsachen fließen ins Volumen ein.

Praxisbeispiel

Am 6. Mai 2010 fiel der US-Aktienmarkt innerhalb von Minuten ins Bodenlose und erholte sich kurz darauf wieder – der Flash Crash. Einen Anteil daran hatte Navinder Sarao, ein Trader, der von seinem Elternhaus in einem Londoner Vorort aus handelte. Seine Software legte riesige Verkaufsorders ins Buch, die er nie ausführen wollte. Andere Marktteilnehmer, vor allem Algorithmen, sahen den scheinbaren Verkaufsdruck und verkauften selbst. Sarao kaufte günstig, löschte seine Fake-Orders und verkaufte teurer.

Das nennt sich Spoofing und ist als Marktmanipulation strafbar. Dass es nicht nur Einzeltäter betrifft, zeigt JPMorgan: 2020 zahlte die Bank rund 920 Millionen Dollar wegen jahrelangen Spoofings. Die Lehre: Das Orderbuch lässt sich fälschen. Ausgeführtes Volumen kaum.

Wer das Orderbuch und die ausgeführten Trades in Echtzeit liest, betreibt Orderbuch- beziehungsweise Orderflow-Trading. Was das bringt und für wen es sich lohnt, erkläre ich beim Orderflow Trading.

Tick-Volumen oder echtes Volumen: Welche Daten du bekommst

Nicht jedes Volumen ist gleich. Echtes Volumen zählt die tatsächlich gehandelten Stücke oder Kontrakte. Tick-Volumen zählt dagegen nur, wie oft sich der Preis innerhalb einer Kerze geändert hat – unabhängig davon, wie groß die Trades dahinter waren. Welche Daten du bekommst, hängt vom Markt ab:

MarktVolumendatenAussagekraft
Aktienechtes Volumen der Börsehoch
Futures (z. B. CME, Eurex)echtes, zentral erfasstes Volumenhoch
Forexnur Tick-Volumen des Brokers – der Markt ist dezentral, ein Gesamtvolumen gibt es nichtAnnäherung
CFDs auf Indizes und RohstoffeTick-Volumen oder vom Broker abgeleitete DatenAnnäherung
KryptoVolumen der jeweiligen Börse, je nach Börse unterschiedlichmittel

Für den Tageschart ist Tick-Volumen als Annäherung völlig ausreichend, solange du nicht auf die Minute genau handelst. Echtes Börsenvolumen für Indizes bekommst du nur über einen Broker mit Future-Daten oder über gekaufte Datensätze. Mehr zu den Märkten findest du beim Futures-Handel und beim CFD-Handel.

Aufwand gegen Ergebnis: Kerze und Volumen zusammen lesen

Die Größe einer Kerze allein sagt nicht, ob eine Bewegung leicht oder umkämpft war. Erst das Volumen dazu macht sie lesbar. Im Kern gibt es drei Bilder:

KerzeVolumenBedeutung
großhochGesunde Bewegung: Aufwand und Ergebnis passen zusammen, die Bewegung ist echt.
kleinsehr hochAbsorption: Es wird viel gehandelt, doch der Preis kommt kaum vom Fleck. Da hält jemand dagegen. Erschöpft sich die drückende Seite, dreht es oft.
großniedrigKein Widerstand: Kein Druck dahinter, die Gegenseite ist schlicht abwesend. Der Kurs floatet durch.

Dieses Prinzip von Aufwand und Ergebnis ist ein Kernstück der Wyckoff-Methode, die ich in einem eigenen Beitrag einordne.

Volumen-Divergenz: das Frühwarnsystem

Macht der Kurs neue Hochs oder Tiefs, während das Volumen dabei abnimmt, geht der Rakete der Treibstoff aus. Das ist kein Umkehrsignal und bedeutet nicht automatisch eine Wende. Es ist ein erster Hinweis: Der Markt ist nicht gecrasht, aber er wird müde.

Volumen an Zonen und bei Ausbrüchen

Richtig wertvoll wird das Volumen im Zusammenspiel mit deinen Zonen. Zwei Fragen stelle ich mir dabei immer:

  • Kommt die Korrektur auf schrumpfendem Volumen? Dann ist sie lustlos – ein gesunder Pullback. Kommt sie auf anschwellendem Volumen, steckt echter Druck dahinter, und die Gefahr einer Wende steigt.
  • Kommt der Ausbruch mit Beteiligung? Ein Durchbruch durch eine Zone auf hohem Volumen ist glaubwürdiger als einer auf dünner Luft.

Das Volumen ist dabei ein Bestätiger, kein Hauptdarsteller: eine Frage, dann weiter. Kam die Bewegung mit Beteiligung oder ohne?

Volumen-Indikatoren im Überblick

Aus dem Volumen lassen sich weitere Werkzeuge berechnen. Die bekanntesten: On Balance Volume (OBV) von Joe Granville (1963) summiert das Volumen je nach Kursrichtung auf. Der VWAP zeigt den volumengewichteten Durchschnittspreis. Beide erkläre ich in der Übersicht der Trading-Indikatoren. Das wichtigste Werkzeug entsteht aber, wenn du das Volumen um 90 Grad drehst – dazu gleich mehr.

Hinweis

Für TradingView habe ich den Dynamic Volume Indikator entwickelt. Er zeigt dir mit nachprüfbaren Zahlen, wann das Volumen eine Bewegung bestätigt – ohne dass du jeden Balken selbst mit dem Durchschnitt vergleichen musst. Er ist Teil der Indikator-Flatrate.

Der Switch um 90 Grad: vom Histogramm zum Volumenprofil

Bis hierhin haben wir Volumen über die Zeit betrachtet – wie viel pro Kerze. Die eigentlich entscheidende Frage ist aber nicht, wann gehandelt wurde, sondern wo, also auf welchem Preis. Dreh das Histogramm gedanklich um 90 Grad und leg es an die Preisachse – dann bekommst du das Volumenprofil. Dicke Bereiche sind umkämpft, dort bleibt der Kurs kleben. Dünne Bereiche sind Überholspuren, dort rast er durch.

So nutze ich Volumen

Meine Regel

Volumen ist für mich ein Bestätigungswerkzeug, kein Einstiegswerkzeug. Die Entscheidung treffe ich an der Zone. Das Volumen beantwortet mir nur eine Frage: Steckt hinter der Bewegung Überzeugung – oder nicht?

Podcast

Warum der Preis lügt, das Volumen aber nicht – und was ein Trader im Kinderzimmer mit dem Flash Crash zu tun hat –, erkläre ich dir in dieser Folge als Video:

Was die Forschung sagt

🟡 Teilweise belegt. Dass Volumen mit der Größe von Kursbewegungen zusammenhängt, ist gut dokumentiert (Karpoff 1987). Blume, Easley und O’Hara (1994) zeigen, dass Volumen Informationen enthält, die im Preis allein nicht sichtbar sind. Aktien mit ungewöhnlich hohem Volumen entwickeln sich im Folgemonat tendenziell besser (Gervais, Kaniel und Mingelgrin 2001). Als eigenständiges Prognosewerkzeug ist Volumen aber schwach – als Bestätigung passt es zur Studienlage.

Alle Studien und die Evidenz-Ampel für jedes Konzept: Funktioniert Charttechnik? Was die Forschung sagt.

Volumen liest du am Chart, nicht im Text.

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Häufige Fragen zum Volumen im Trading

Was bedeutet hohes Volumen?

Hohes Volumen heißt, dass überdurchschnittlich viel gehandelt wurde – viele Marktteilnehmer waren beteiligt. Zusammen mit einer großen Kerze bestätigt es die Bewegung. Hohes Volumen bei einer kleinen Kerze deutet dagegen auf Absorption hin: Da hält jemand dagegen.

Ist Volumen bei Forex und CFDs aussagekräftig?

Eingeschränkt. Forex ist ein dezentraler Markt ohne Gesamtvolumen, dein Broker zeigt dir nur Tick-Volumen – also die Anzahl der Preisänderungen. Bei CFDs ist es ähnlich. Für den Tageschart ist das als Annäherung brauchbar, für sehr kurzfristiges Trading nicht.

Wie zeige ich das Volumen in TradingView an?

Das Volumen ist in TradingView meist schon als Histogramm unter dem Chart eingeblendet. Falls nicht, findest du es unter Indikatoren mit der Suche nach „Volumen“. Tipp: Färbe die Balken neutral, damit dich die Farbe nicht in die Irre führt.

Steigt der Kurs bei hohem Volumen?

Nicht automatisch. Jeder Trade hat einen Käufer und einen Verkäufer, hohes Volumen heißt nur hohe Beteiligung. Die Richtung bestimmt die Aggression der Marktteilnehmer. Deshalb liest du Volumen immer zusammen mit der Kerze.

Was ist der Unterschied zwischen Volumen und Volumenprofil?

Das Volumen-Histogramm zeigt, wie viel pro Zeiteinheit gehandelt wurde. Das Volumenprofil zeigt, wie viel auf welchem Preis gehandelt wurde. Es ist dasselbe Rohmaterial, nur um 90 Grad gedreht – und damit perfekt, um Zonen zu bestätigen.

Du weißt jetzt, wie du Volumen über die Zeit liest. Im nächsten Schritt drehen wir es um 90 Grad und schauen, auf welchen Preisen gehandelt wurde: das Volumenprofil.

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