Chartanalyse lernen: Charts lesen in 5 Schritten
Das wirst du lernen:
- In welcher Reihenfolge du einen Chart liest – vom Markt bis zur einzelnen Kerze
- Welche Zeiteinheit wofür da ist und wie Multi-Timeframe-Analyse funktioniert
- Einen Lernplan für die ersten acht Wochen, mit Übungen statt Theorie
- Die Fehler, mit denen fast jeder anfängt – und wie du sie auslässt
Chartanalyse lernen heißt nicht, 40 Formationen auswendig zu kennen. Es heißt, einen Chart jedes Mal in derselben Reihenfolge zu lesen – so lange, bis du es nicht mehr anders kannst.
Die meisten fangen andersherum an: Indikator drauf, Muster suchen, hoffen. Ich habe das auch gemacht und dafür Jahre gebraucht. Auf dieser Seite bekommst du den Weg, den ich heute gehen würde, wenn ich noch einmal bei null anfangen müsste – mit den Zeiteinheiten, einem Übungsplan und den typischen Stolperfallen.
Kann man Chartanalyse selbst lernen?
Ja. Chartanalyse ist Handwerk, kein Talent. Die Werkzeuge sind öffentlich, die Charts kostenlos, und TradingView gibt dir alles, was du für den Anfang brauchst. Was du dir nicht kaufen kannst, ist die Wiederholung: Das Auge für einen Chart entsteht nicht beim Lesen, sondern beim hundertsten Chart, den du selbst analysiert hast.
Der Haken ist nicht das Wissen, sondern die Reihenfolge. Wer ohne Plan lernt, springt zwischen Kerzenmustern, Indikatoren und YouTube-Strategien hin und her und hat nach einem Jahr viel gesehen, aber nichts, worauf er sich verlassen kann. Deshalb steht hier zuerst die Reihenfolge – und erst dann das Werkzeug.
Definition
Chartanalyse (auch Charttechnik oder technische Analyse) ist die Untersuchung vergangener Kursbewegungen, um Wahrscheinlichkeiten für die künftige Richtung abzuschätzen. Sie sagt dir nicht, was passieren wird – sie sagt dir, wo es sich lohnt, genauer hinzuschauen.
Die richtige Reihenfolge: vom Markt zur Kerze
Ein Chart wird von außen nach innen gelesen: erst das große Bild, dann das Detail. Diese Reihenfolge ist keine Geschmacksfrage. Jeder Schritt filtert, und was im ersten Schritt rausfliegt, musst du im fünften nicht mehr analysieren.
| Schritt | Frage | Ergebnis |
|---|---|---|
| 1. Chart lesen | Was zeigt mir die Kerze, welche Zeiteinheit sehe ich? | Du kannst den Chart überhaupt lesen |
| 2. Markt auswählen | Ist dieser Markt gerade sauber genug? | Nur qualitative Märkte bleiben übrig |
| 3. Trend einordnen | Richtung, Stärke, Hitze? | Du weißt, ob du long, short oder gar nicht schaust |
| 4. Zonen finden | Wo könnte der Kurs reagieren? | Einige wenige Preisbereiche, die zählen |
| 5. Kerzen als Bestätigung | Bestätigt der Markt meine Zone? | Die Entscheidung: handeln oder nicht |
Schritt 1: Den Chart lesen
Bevor du irgendetwas analysierst, musst du wissen, was du siehst. Ein Chart hat zwei Achsen: rechts den Preis, unten die Zeit. Jede Kerze fasst einen Zeitabschnitt zusammen – eine Minute, eine Stunde, einen Tag. Wie lang dieser Abschnitt ist, bestimmt die Zeiteinheit oben links in deinem Chartprogramm.
Definition
Jede Kerze besteht aus vier Preisen: Open (Eröffnung), High (Hoch), Low (Tief) und Close (Schluss), kurz OHLC. Der dicke Teil ist der Körper zwischen Open und Close, die dünnen Striche sind die Dochte bis zum Hoch und Tief.
Für den Anfang reicht eine einzige Regel: Große, volle Körper stehen für eine Seite, die sich durchgesetzt hat. Viel Docht im Verhältnis zum Körper heißt, dass der Markt nicht weiß, was er will. Mehr brauchst du im ersten Schritt nicht – die Details zu Kerzen und Charttypen bekommst du auf der nächsten Seite.
Schritt 2: Den Markt auswählen
Hier trennt sich Chartanalyse, die funktioniert, von Chartanalyse, die nur gut aussieht. Charttechnik hat einen Geltungsbereich – wie ein Wetterbericht, der für drei Tage zuverlässig ist und für drei Monate Glücksspiel. In manchen Marktphasen trägt sie, in anderen nicht. Also prüfst du zuerst, ob der Markt überhaupt analysierbar ist.
- Kerzenfarben: Überwiegend eine Farbe in Trendrichtung ist gut. Ständiger Wechsel grün-rot-grün-rot heißt: kein Plan im Markt.
- Docht zu Körper: Große Körper, kurze Dochte. Lange Dochte bedeuten Unentschlossenheit.
- Volatilität: Genug Bewegung, um Geld zu verdienen, aber keine Panik-Kerzen nach jeder Schlagzeile.
- Gaps: Wenige und kleine Kurslücken. Häufige große Sprünge machen jede Planung zur Lotterie.
Fällt ein Markt bei zwei oder mehr Punkten durch, analysierst du ihn nicht weiter. Das fühlt sich am Anfang nach verschenkter Chance an. In Wahrheit ist es der größte Hebel, den du hast: Die meisten schlechten Trades entstehen nicht durch falsche Analyse, sondern durch Analyse im falschen Markt. Welche Märkte sich grundsätzlich eignen, steht unter Welcher Markt passt zu dir?
Schritt 3: Den Trend einordnen
Jetzt kommt die Richtung. Und zwar nicht über eine Linie, die du nach Gefühl einzeichnest, sondern möglichst objektiv. Drei Trader, drei Trendlinien, drei Meinungen – das ist für den Einstieg in die Analyse zu wackelig.
Ich ordne den Trend heute mit zwei einfachen gleitenden Durchschnitten auf dem Tageschart ein: dem SMA 1000 für den übergeordneten Primärtrend (rund vier Jahre) und dem SMA 200 für den Sekundärtrend (rund ein Jahr). Die Steigung der Linie zeigt Richtung und Stärke, der Abstand zwischen Kurs und Linie zeigt, wie überhitzt die Bewegung ist. Wichtig: Das sind keine Einstiegssignale. Es sind Trendlinien, die nicht von meiner Laune abhängen.
Tipp
Handle am Anfang nur Märkte, in denen Primär- und Sekundärtrend in dieselbe Richtung zeigen. Zeigt der kurzfristige Trend gegen den langfristigen, ist das kein Setup, sondern ein Streit – und in einem Streit bist du als Anfänger der Letzte, der gewinnt.
Schritt 4: Zonen finden
Erst jetzt suchst du nach Preisbereichen, an denen es spannend wird. Das Wort „Bereich“ ist Absicht: Unterstützung und Widerstand sind nie eine exakte Linie, sondern eine Zone mit einer gewissen Breite. Märkte reagieren auf Bereiche, an denen schon einmal viel passiert ist – alte Hochs und Tiefs, Kurslücken, Stellen mit viel gehandeltem Volumen.
Der wichtigste Teil dieses Schritts ist nicht das Zeichnen, sondern das Aussortieren. Eine Zone, die der Kurs schon zweimal glatt durchlaufen hat, ist keine Zone mehr, egal wie schön sie aussah. Und eine einzelne Zone reicht selten: Interessant wird es, wenn mehrere Gründe auf demselben Preis zusammenfallen.
Praxisbeispiel
Ein Index steigt im Tageschart sauber, Primär- und Sekundärtrend zeigen nach oben. Die letzte Aufwärtsbewegung hat ein altes Jahreshoch überwunden. Läuft der Kurs jetzt zurück, ist genau dieses alte Hoch der erste Bereich, den du dir markierst – nicht die Mitte der Bewegung, nicht eine runde Zahl, sondern der Preis, an dem der Markt schon einmal entschieden hat.
Schritt 5: Kerzen als Bestätigung
Der letzte Schritt ist der, mit dem die meisten anfangen – und genau deshalb scheitern. Kerzen sind kein Einstiegswerkzeug, sondern ein Bestätigungswerkzeug. Die Zone zeigt dir, wo du einsteigen könntest. Die Kerzen zeigen dir, ob du es tun solltest.
Was du dabei sehen willst, ist Verhalten, keine einzelne Formation: Läuft der Kurs mit Kraft in die Zone, bremst er dort ab und dreht wieder heraus? Oder schmiegt er sich lustlos heran und frisst sich Stück für Stück durch? Ein Hammer irgendwo mitten im Chart bedeutet nichts. Dieselbe Kerze an einer Zone, die du in Schritt 4 sauber hergeleitet hast, ist eine Information.
Zeiteinheiten und Multi-Timeframe-Analyse
Welche Zeiteinheit „richtig“ ist, hängt davon ab, wie lange du Positionen halten willst. Die Grundidee der Multi-Timeframe-Analyse ist aber immer dieselbe: Die höhere Zeiteinheit gibt den Kontext vor, die mittlere liefert die Analyse, die niedrigere nur das Timing. Als Faustregel liegt zwischen den Stufen etwa der Faktor vier bis sechs – bekannt geworden ist das Prinzip durch Alexander Elders „Triple Screen“.
| Trading-Stil | Kontext | Analyse | Timing |
|---|---|---|---|
| Positionstrading | Woche | Tag | 4 Stunden |
| Swingtrading | Tag | 4 Stunden | 1 Stunde |
| Daytrading | 4 Stunden | 1 Stunde | 5–15 Minuten |
Ich plane meine Setups im Tageschart und schalte erst im Moment der Entscheidung in den Stundenchart – nie tiefer. Wer im Fünf-Minuten-Chart nach einer Zone sucht, weil im Tageschart keine da ist, findet Rauschen, das wie Struktur aussieht. Für Einsteiger ist der Tageschart die beste Schule: weniger Signale, weniger Stress, mehr Zeit zum Nachdenken.
Hinweis
Je kleiner die Zeiteinheit, desto größer der Anteil von Spread und Zufall an jeder Bewegung. Im Minutenchart zahlst du für dieselbe Fehlentscheidung öfter – und lernst trotzdem weniger, weil du keine Zeit hast, sie zu verstehen.
Dein Lernplan für die ersten acht Wochen
Chartanalyse lernst du mit den Augen, nicht mit dem Kopf. Deshalb ist dieser Plan eine Übungsliste und keine Leseliste. Du brauchst einen kostenlosen TradingView-Account und ein Demokonto – mehr nicht.
- Woche 1–2: Fünf Märkte auswählen und jeden Tag im Tageschart ansehen. Nur Schritt 1 und 2: Kerzen lesen, Qualität bewerten, aufschreiben.
- Woche 3–4: Trend für jeden Markt einordnen – Richtung, Stärke, Hitze. Jeden Freitag vergleichen: Lag ich richtig, und warum?
- Woche 5–6: Zonen einzeichnen und genauso konsequent wieder löschen, wenn sie nicht halten. Screenshot vorher, Screenshot nachher.
- Woche 7–8: Mit dem Replay-Modus in TradingView alte Phasen durchspielen: Chart zurückdrehen, analysieren, Kerze für Kerze vorlaufen lassen. Erst hier im Demokonto handeln.
Das Wichtigste daran ist das Aufschreiben. Ein Journal mit Screenshots zeigt dir nach acht Wochen Muster in deinen eigenen Fehlern, die dir kein Buch zeigen kann. Wenn du das Ganze in einen festen Rahmen gießen willst, hilft dir der 91-Tage-Trading-Plan.
Podcast
Warum ich jeden Chart in derselben Reihenfolge lese – und wie aus dieser Reihenfolge ein komplettes System mit neun Phasen wird, erkläre ich in dieser Folge:
Die häufigsten Anfängerfehler
- Indikatoren-Salat: Fünf Indikatoren auf dem Chart, die sich gegenseitig widersprechen. Am Ende entscheidet doch das Bauchgefühl – nur mit mehr Farben.
- Zu kleine Zeiteinheit: Minutencharts wirken spannend und liefern ständig Signale. Genau das ist das Problem.
- Muster ohne Ort: Kerzenformationen und Chartmuster ohne Zone und ohne Trend dahinter sind Kaffeesatz.
- Rückschaufehler: Im fertigen Chart ist alles offensichtlich. Übe deshalb an der rechten Chartkante oder im Replay, nicht an alten Bildern.
- Zonen, die nie sterben: Linien, die seit Monaten im Chart stehen, obwohl der Kurs sie dreimal ignoriert hat.
- Zu früh live: Wer nach zwei Wochen echtes Geld einsetzt, bezahlt Lehrgeld, das er sich im Demokonto hätte sparen können.
Welches Programm, welche Bücher?
Für den Start reicht TradingView in der kostenlosen Version: alle Märkte, alle Zeiteinheiten, Zeichenwerkzeuge und der Replay-Modus. Mehr zu den Plattformen steht unter Handelsplattformen. Wenn du ein einziges Buch lesen willst, nimm John J. Murphys „Technische Analyse der Finanzmärkte“ – es ist das Nachschlagewerk, auf das sich fast alle anderen beziehen. Lies es wie ein Lexikon, nicht wie einen Roman.
Eine fertige „Chartanalyse lernen PDF“ ersetzt keine Übung. Die Watchlisten, Chartlayouts und Begleitmaterialien, mit denen ich selbst arbeite, liegen aber kostenlos im Mitgliederbereich – damit du nicht bei null einrichten musst.
Häufige Fragen zum Chartanalyse lernen
Wie lange dauert es, Chartanalyse zu lernen?
Die Grundlagen – Kerzen lesen, Trend einordnen, Zonen erkennen – hast du mit täglicher Übung in zwei bis drei Monaten drauf. Bis du Charts sicher und konsequent liest, vergeht eher ein Jahr. Entscheidend ist nicht die Zeit, sondern die Zahl der Charts, die du selbst analysiert und im Nachhinein überprüft hast.
Welche Zeiteinheit ist für Anfänger am besten?
Der Tageschart. Er liefert wenige, aber aussagekräftige Kerzen, verzeiht Fehler eher und lässt dir Zeit zum Nachdenken. Kleinere Zeiteinheiten erzeugen mehr Signale, mehr Rauschen und mehr Kosten – für Einsteiger eine schlechte Kombination.
Welches Programm brauche ich für die Chartanalyse?
Für den Anfang genügt TradingView in der kostenlosen Version. Du bekommst dort alle wichtigen Märkte, Zeichenwerkzeuge und einen Replay-Modus, mit dem du vergangene Phasen Kerze für Kerze durchspielen kannst.
Kann ich Chartanalyse ohne Indikatoren lernen?
Ja, und genau so solltest du anfangen. Kurs, Kerzen, Trend und Zonen sind die Basis; Indikatoren leiten sich nur daraus ab. Wer zuerst den reinen Chart lesen kann, versteht später auch, was ein Indikator zeigt – und was nicht.
Wie werte ich einen Chart konkret aus?
Immer in derselben Reihenfolge: Kerzen und Zeiteinheit lesen, Qualität des Marktes prüfen, Trend einordnen, Zonen einzeichnen und erst zum Schluss am Verhalten der Kerzen entscheiden. Jeder Schritt filtert – was früh rausfliegt, musst du später nicht mehr analysieren.
Du kennst jetzt die Reihenfolge, in der ein Chart gelesen wird. Im nächsten Schritt gehen wir in die kleinste Einheit: die Kerze selbst – und die Charttypen, in denen du sie darstellen kannst.