Chartformationen: Die wichtigsten Chartmuster und was sie wirklich taugen
Das wirst du lernen:
- Die wichtigsten Chartmuster: Doppeltop und Doppelboden, Schulter-Kopf-Schulter, Flagge, Wimpel, Rechteck, Dreieck und Keil
- Wann eine Formation bestätigt ist und wie du das Kursziel misst
- Was Bulkowskis Statistiken über die Zuverlässigkeit sagen – und was nicht
- Warum jede Formation eigentlich eine Geschichte über Zonen ist
Chartformationen gehören zu den ältesten Werkzeugen der technischen Analyse. Sie sind so bekannt, dass fast jede Einsteigerseite eine Liste davon hat – und fast keine sagt dir, wann eine Formation überhaupt bestätigt ist, wie oft sie funktioniert und warum.
Genau das bekommst du hier: die wichtigen Muster in einer Tabelle, die Regeln für Bestätigung und Kursziel, echte Zahlen mit Quelle – und meine Sicht darauf, was hinter den Formen steckt. Spoiler: Es sind Zonen.
Was sind Chartformationen?
Definition
Chartformationen (Chartmuster) sind wiederkehrende Kursbilder, die aus mehreren Bewegungen bestehen und auf eine wahrscheinliche Fortsetzung oder Umkehr des Trends hindeuten. Man unterscheidet Umkehrformationen, Fortsetzungsformationen und Formationen, die in beide Richtungen auflösen können.
Anders als Kerzenmuster, die aus einer bis drei Kerzen bestehen, entwickeln sich Chartformationen über Wochen oder Monate. Das macht sie aussagekräftiger – und leichter im Nachhinein hineinzuinterpretieren.
Übersicht der wichtigsten Chartmuster
| Formation | Typ | Bestätigung | Kursziel-Regel |
|---|---|---|---|
| Doppeltop | Umkehr (bearish) | Schluss unter dem Tief zwischen den beiden Hochs | Höhe der Formation nach unten abgetragen |
| Doppelboden | Umkehr (bullish) | Schluss über dem Hoch zwischen den beiden Tiefs | Höhe der Formation nach oben abgetragen |
| Schulter-Kopf-Schulter | Umkehr (bearish) | Schluss unter der Nackenlinie | Abstand Kopf–Nackenlinie ab Ausbruch |
| Inverse Schulter-Kopf-Schulter | Umkehr (bullish) | Schluss über der Nackenlinie | Abstand Kopf–Nackenlinie ab Ausbruch |
| Flagge / Wimpel | Fortsetzung | Ausbruch in Trendrichtung | Länge der Fahnenstange |
| Rechteck | Fortsetzung oder Umkehr | Schluss außerhalb der Range | Höhe der Range |
| Dreieck | Meist Fortsetzung | Ausbruch aus einer Begrenzung | Höhe an der breitesten Stelle |
| Keil | Oft Umkehr | Ausbruch entgegen der Keilrichtung | Höhe an der breitesten Stelle |
Umkehrformationen: Doppeltop, Doppelboden und Schulter-Kopf-Schulter
Ein Doppelboden entsteht, wenn der Kurs zweimal ungefähr auf dasselbe Tief fällt und jedes Mal wieder steigt. Das Hoch zwischen den beiden Tiefs ist die entscheidende Marke: Erst wenn der Kurs darüber schließt, ist die Formation bestätigt. Vorher ist es nur ein Kurs, der zweimal an einer Stelle gedreht hat. Das Doppeltop ist das Spiegelbild am oberen Ende eines Anstiegs.
Die Schulter-Kopf-Schulter-Formation (auch Kopf-Schulter-Formation) besteht aus drei Hochs, von denen das mittlere – der Kopf – das höchste ist. Die Tiefs zwischen den Hochs bilden die Nackenlinie. Schließt der Kurs unter dieser Linie, gilt die Formation als vollendet. Die inverse Variante am Ende eines Abwärtstrends funktioniert umgekehrt.
Achtung
Die meisten Fehler mit Umkehrformationen passieren vor der Bestätigung. Wer beim zweiten Tief schon „Doppelboden“ ruft und kauft, handelt eine Formation, die es noch gar nicht gibt. Laut Bulkowski fällt der Kurs ohne Bestätigung in 48 Prozent der Fälle einfach weiter.
Fortsetzungsformationen: Flagge, Wimpel und Rechteck
Fortsetzungsformationen sind Verschnaufpausen in einem laufenden Trend. Bei der Flagge folgt auf eine steile Bewegung – die Fahnenstange – eine kurze, leicht gegenläufige Konsolidierung in einem kleinen Kanal. Beim Wimpel läuft diese Konsolidierung dreieckig zusammen. Das Rechteck ist eine horizontale Seitwärtsphase zwischen einer oberen und einer unteren Grenze.
Dreiecke und Keile
Beim Dreieck laufen Hochs und Tiefs aufeinander zu. Steigende Dreiecke (flache Oberseite, steigende Tiefs) lösen häufiger nach oben auf, fallende häufiger nach unten, symmetrische in beide Richtungen. Der Keil sieht ähnlich aus, beide Begrenzungen zeigen aber in dieselbe Richtung. Ein steigender Keil im Aufwärtstrend gilt als Zeichen nachlassender Kraft und wird häufig nach unten aufgelöst.
Das Kursziel messen
Für fast alle Formationen gilt dieselbe Messregel: Du nimmst die Höhe der Formation an ihrer breitesten Stelle und trägst sie ab dem Ausbruchspunkt in Ausbruchsrichtung ab. Bei der Schulter-Kopf-Schulter ist das der Abstand vom Kopf zur Nackenlinie, bei Flaggen die Länge der Fahnenstange.
Mein Umgang damit
Ich nutze das rechnerische Kursziel nie als festes Ziel. Viel wichtiger ist, wo die nächste Zone liegt. Liegt eine starke Zone vor dem gemessenen Ziel, ist die Zone das realistischere Ziel – das Muster weiß nichts von ihr.
Wie zuverlässig sind Chartformationen?
Die umfangreichsten Auswertungen stammen von Thomas Bulkowski, der tausende Formationen in Aktienkursen statistisch untersucht hat. Ein Auszug für den Bullenmarkt:
| Formation | Fehlschlag* | Ø Bewegung | Kursziel erreicht | Rang |
|---|---|---|---|---|
| Schulter-Kopf-Schulter (Top) | 19 % | −16 % | 51 % | 9 von 36 |
| Doppelboden (Eve & Eve) | 12 % | +50 % | 65 % | 5 von 39 |
| Doppelboden (Adam & Eve) | 12 % | +43 % | 69 % | 17 von 39 |
*Fehlschlag heißt bei Bulkowski: Der Kurs bewegt sich nach dem Ausbruch weniger als fünf Prozent in die erwartete Richtung. Quelle: thepatternsite.com.
Wichtig zur Einordnung
Bulkowski misst vom Ausbruch bis zum extremsten Hoch oder Tief danach – also den perfekten Trade, den in der Realität niemand erwischt. Die durchschnittlichen Bewegungen sind deshalb keine realistischen Trade-Ergebnisse. Aussagekräftig sind vor allem die Rangfolge und die Fehlschlagquoten.
Chartformationen als Zonen lesen
Wenn du genauer hinschaust, ist jede Chartformation eine Geschichte über Zonen. Ein Doppelboden ist eine Nachfragezone, die zweimal reagiert hat. Die Nackenlinie einer Schulter-Kopf-Schulter ist eine Zone, die nach dem Bruch ihre Rolle tauscht. Ein Rechteck ist eine tolerierende Zone mit Deckel und Boden. Eine Flagge ist eine kurze Pause zwischen zwei Stufen eines Trends.
Deshalb suche ich keine Formationen, sondern Zonen. Taucht eine Formation an einer Zone auf, die ich ohnehin sauber hergeleitet habe, ist sie eine zusätzliche Bestätigung. Taucht sie irgendwo auf, wo nichts anderes dafür spricht, ist sie ein Bild. Wie Zonen entstehen und reagieren, steht unter Supply & Demand Zonen und Unterstützung & Widerstand.
Podcast
Die große Zusammenfassung zu Zonen – den Bausteinen, aus denen auch jede Chartformation besteht – bekommst du in dieser Folge:
Typische Fehler mit Chartformationen
- Handeln vor der Bestätigung: Ein halber Doppelboden ist kein Doppelboden.
- Formationen im Rückblick: Im fertigen Chart ist jede Schulter-Kopf-Schulter offensichtlich. An der rechten Chartkante sieht sie aus wie drei Hochs.
- Zu kleine Zeiteinheit: Im Fünf-Minuten-Chart findest du ständig Formationen – und kaum eine mit Aussagekraft.
- Kursziel als Gesetz: Das gemessene Ziel ist eine Orientierung, keine Zusage des Marktes.
- Gegen den übergeordneten Trend: Eine bärische Formation in einem starken Aufwärtstrend endet oft als Fortsetzung nach oben.
Häufige Fragen zu Chartformationen
Welche Chartmuster gibt es?
Die wichtigsten Umkehrformationen sind Doppeltop, Doppelboden und Schulter-Kopf-Schulter (auch invers). Zu den Fortsetzungsformationen zählen Flagge, Wimpel und Rechteck. Dreiecke und Keile können je nach Ausprägung in beide Richtungen auflösen.
Welche Chartformation ist am zuverlässigsten?
In Bulkowskis Auswertungen gehören Doppelböden und die Schulter-Kopf-Schulter-Formation zu den besser platzierten Mustern, mit Fehlschlagquoten um zwölf bis 19 Prozent im Bullenmarkt. Zuverlässig wird aber keine Formation ohne Bestätigung und ohne Kontext aus Trend und Zonen.
Was ist eine Schulter-Kopf-Schulter-Formation?
Eine Umkehrformation aus drei Hochs, von denen das mittlere am höchsten ist. Die Tiefs dazwischen bilden die Nackenlinie. Schließt der Kurs darunter, gilt die Formation als vollendet; das Kursziel ergibt sich aus dem Abstand vom Kopf zur Nackenlinie.
Wann ist ein Doppelboden bestätigt?
Erst wenn der Kurs über dem Hoch schließt, das zwischen den beiden Tiefs liegt. Vorher hat der Kurs nur zweimal an derselben Stelle gedreht – ohne Bestätigung fällt er in knapp der Hälfte der Fälle weiter.
Wie berechnet man das Kursziel einer Formation?
Man misst die Höhe der Formation an ihrer breitesten Stelle und trägt sie ab dem Ausbruchspunkt in Ausbruchsrichtung ab. Das Ergebnis ist eine Orientierung; liegt vorher eine starke Zone, ist sie oft das realistischere Ziel.
Du kennst jetzt die wichtigsten Chartformationen und weißt, wie du sie einordnest. Im letzten Schritt dieses Abschnitts geht es um Lücken im Chart: Gaps – und warum sie mehr über einen Markt verraten, als die meisten denken.