„Solange du den Kick suchst, bist du kein Trader. Du bist ein Spieler. Der Unterschied ist nicht die Plattform — er ist der Grund, warum du auf den Button drückst.“
Ich war 19 Jahre alt, frisch aus dem Zivildienst raus, hatte ein paar Hundert Euro auf dem Konto — und dann verdoppelte ich sie über Nacht.
Das war der Moment, der mein nächstes Jahr zerstört hat.
Nicht der Verlust. Der Gewinn.
Denn ab diesem Moment war ich nicht mehr derjenige, der Trading lernen wollte. Ich war derjenige, der dieses Gefühl wieder haben wollte. Den Rush. Die Bestätigung. Das Dopamin. Ich war, ohne es zu wissen, süchtig — bevor ich überhaupt verstanden hatte, was Trading eigentlich ist.
Dieser Artikel ist kein Motivationsbeitrag. Kein „Du schaffst das“-Content. Er ist eine ehrliche Auseinandersetzung mit einem Thema, über das die Branche viel zu wenig redet: Trading-Sucht ist real. Sie ist gefährlich. Und sie fängt meistens genau da an, wo du denkst, dass du gerade Glück hattest.
Das Gehirn lügt dich an — und es macht das sehr gut
Bevor ich dir meine Geschichte erzähle, musst du verstehen, was in deinem Kopf passiert, wenn du tradest. Denn ohne diese Grundlage wirst du die Warnsignale nicht erkennen.
Wenn du einen Trade eröffnest und er ins Plus läuft, schüttet dein Gehirn Dopamin aus. Das ist das gleiche Hormon, das bei Kokainkonsum, bei Glücksspielgewinnen und bei Sex aktiv wird. Es macht dich wach, fokussiert, euphorisch — und es will mehr.
Das klingt erstmal gut. Ist es aber nicht.
Denn Dopamin belohnt nicht nur echte Gewinne. Es belohnt auch Fast-Gewinne. Also Trades, die kurz im Plus waren und dann doch ins Minus drehten. Trades, die fast dein Ziel erreicht hätten. Charts, die fast so aussahen wie dein Setup — aber eben nur fast. Dein Gehirn kann den Unterschied zwischen „fast gewonnen“ und „wirklich gewonnen“ kaum unterscheiden. Der Dopamin-Ausstoß ist nahezu identisch.
Das ist die neurobiologische Grundlage jeder Spielsucht. Und es ist der Grund, warum Slot-Machines so designt sind, dass sie ständig „Beinahe-Gewinne“ produzieren. Binäre Optionen funktionierten nach genau diesem Prinzip. Nur mit einem Finanz-Label drauf.
Was passiert, wenn du das lange genug machst? Dein Gehirn baut Dopamin-Rezeptoren ab. Es braucht mehr Reiz, um denselben Effekt zu erzielen. Du erhöhst die Positionsgröße. Du tradest öfter. Du gehst mehr Risiko ein. Nicht weil deine Analyse besser wird — sondern weil dein Belohnungssystem abgestumpft ist und lauter schreit.
Das nennt sich Toleranzentwicklung. Es ist der Kernmechanismus jeder Sucht — von Alkohol bis zum Spielautomaten. Und es passiert im Trading genauso.
Binäre Optionen: Der Spielautomat mit Börsen-Skin
Ich habe 2009 mit Binären Optionen angefangen. Wer das nicht kennt: Es waren zwei Buttons — Kaufen oder Verkaufen. Ein Linien-Chart. Und eine Ablaufzeit, die bei 60 Sekunden beginnen konnte.
Du hast gewettet, ob der Kurs in 60 Sekunden höher oder tiefer steht als jetzt. Fertig. Keine Analyse nötig. Kein Verständnis nötig. Kein gar nichts.
Das Modell war so einfach und so schnell, dass es sich wie ein Videospiel angefühlt hat. Und ich war schon immer ein Gamer.
Was ich damals nicht verstanden habe: Das Chancen-Risiko-Verhältnis war von Anfang an negativ. Du hast 70% gewonnen, aber immer 100% verloren. Selbst bei 50/50 Trefferquote verlierst du langfristig zwingend. Es gibt keine Strategie der Welt, die das ausgleicht.
Aber das war egal. Denn darum ging es nicht. Es ging um das Gefühl.
Über 85% aller Trader verloren Geld mit Binären Optionen. Das war keine Ausnahme. Das war das Produkt. Die Europäische Finanzmarktaufsicht ESMA hat Binäre Optionen 2018 deshalb für Privatanleger EU-weit verboten — weil sie zum Schluss kamen, dass das Verhältnis zwischen möglicher Rendite und Verlustrisiko in keinem vernünftigen Verhältnis steht. In manchen Ländern wurden Binäre Optionen übrigens nicht von Finanzaufsichtsbehörden reguliert — sondern von den für Glücksspiel zuständigen Behörden.
Das sagt alles.
Ich habe damals so rund 7.000 bis 8.000 Euro verloren. Nicht auf einmal. Sondern in kleinen Beträgen, immer wieder, über anderthalb bis zwei Jahre. Zwischendurch immer mal wieder kleine Gewinne — die mich natürlich dazu gebracht haben, weiterzumachen.
Fast-Gewinne. Dopamin. Weitermachen. Das ist der Kreislauf.
„Ich verkaufe mein iPhone, damit ich weitertraden kann“

Jetzt kommt der Teil, den ich lange nicht erzählt habe.
Weil er mir unangenehm war. Weil er zeigt, wie tief das Loch wirklich war.
Als das Geld weg war, habe ich angefangen, mir iPhones und andere Geräte bei Otto auf Ratenzahlung zu bestellen. Teures Gerät auf Kredit kaufen. Auf eBay verkaufen. Das Geld nehmen und einzahlen.
Ein Suchtmuster, das sich von pathologischen Glücksspielern nicht unterscheidet. Der Spieler, der seinen Schmuck versetzt. Die Frau, die heimlich den Sparplan auflöst. Ich, der auf Ratenzahlung iPhones bestellte, um seinen Broker befüllen zu können.
Das klingt absurd, wenn man es so liest. Aber in dem Moment hat es sich nicht absurd angefühlt. Es hat sich wie ein Plan angefühlt. Genau das ist das Tückische an Sucht: Sie ist sich selbst gegenüber immer rational.
Irgendwann holte mich das ein. Februar, 5. oder 6., ich weiß es noch heute. Ich hätte von keinem meiner Konten auch nur 5 Euro abheben können. Ich war, faktisch, zahlungsunfähig. Beinahe privat insolvent. Nur durch Biegen und Brechen und durch die Hilfe meiner Familie habe ich die Kurve gekriegt.
Ich habe diesen Kontoauszug noch. Ich habe ihn auf Instagram veröffentlicht. Nicht aus Scham, sondern damit andere sehen: Das ist kein Extremfall. Das ist der ganz normale Weg, wenn man süchtiges Verhalten für Trading-Lernen hält.
Spielsucht und Trading Sucht: Kein Unterschied, den du ignorieren kannst
Lass mich sehr direkt sein.
Trading-Sucht ist Spielsucht. Punkt. Die Mechanismen sind identisch:
- Dopamin als Belohnungssignal
- Toleranzentwicklung (mehr Risiko für denselben Kick)
- Kontrollverlust (man hört nicht auf, obwohl man es wollte)
- Geheimhaltung vor Familie und Freunden
- Verluste durch neue Wetten ausgleichen wollen („Revenge Trading“)
- Verleugnungsmuster („Das nächste Mal wird anders“)
- Soziale und finanzielle Konsequenzen werden ignoriert
Die Techniker-Krankenkasse beschreibt pathologisches Glücksspiel so: Betroffene erhöhen nach und nach ihre Einsätze, um denselben Erregungszustand zu erreichen. Wenn sie verlieren, kehren sie zurück, um Verluste auszugleichen. Viele wissen beim Spielen nicht mehr, ob Tag oder Nacht ist.
Ersetze „Spielen“ durch „Traden“ — und du beschreibst einen erheblichen Teil der Retail-Trader-Gemeinde.
74 bis 89% aller Retail-Kunden verlieren Geld beim CFD-Handel. Das sind ESMA-Zahlen. Der durchschnittliche Verlust pro Kunde liegt laut derselben Studie zwischen 1.600 und 29.000 Euro. Diese Zahlen stehen — pflichtgemäß — auf jeder Broker-Website. Und werden konsequent ignoriert.
Das ist nicht Unwissenheit. Das ist Verdrängung. Das ist Suchtverhalten.
Der „Eine große Trade“ — Wendepunkt oder Falle?
Es gibt eine Geschichte, die sich jeder Trader irgendwann erzählt. Sie geht so:
„Einmal mache ich den einen großen Trade. Dann ist alles ausgeglichen. Dann fange ich richtig an.“
Der Gambler nennt es „Den Jackpot knacken.“ Der Trader nennt es „Den einen Setup nutzen.“ Es klingt gleich — aber es gibt einen entscheidenden Unterschied. Und der liegt nicht im Trade selbst. Er liegt darin, was davor passiert ist.
Bei mir hat das fünf Jahre gedauert.
Nach den Binären Optionen und der Beinahe-Insolvenz habe ich weitergemacht — mit CFDs, 300er Hebel, Nachschusspflicht. Ich habe aus 500 Euro knapp 10.000 Euro gemacht. Kein Glück, sondern Fokus: Position laufen lassen, früh absichern, nicht übertraden. Dann bin ich zur nächsten „Ballerbude“ gegangen — 500er Hebel, noch mehr Risiko. Und da, 2014/15, habe ich im EUR/USD die Short-Seite erwischt. Nicht mit einem Trade. Sondern aufpyramidisiert, immer wieder nachgesichert, Position für Position aufgebaut — insgesamt rund 10 Lot. Es war sauber. Es war geplant. Es war handwerklich.
Das ist der Punkt, wo man ehrlich sein muss: Das war kein Glücksspiel mehr. Die Trades waren strukturiert, gegeneinander abgesichert, mit klarem Plan. Nicht der Kick hat das gesteuert — sondern fünf Jahre schmerzhaftes Lernen.
Der Broker hat mir die Positionen übers Wochenende geschlossen — weil klar war, dass der Euro weiter fällt und er das Risiko nicht tragen wollte. Am Ende stand ein kleiner sechsstelliger Betrag. Und zum ersten Mal dachte ich nicht: „Jetzt setze ich alles wieder ein.“ Sondern: „Jetzt habe ich genug, um es richtig zu machen.“
Das war der Unterschied. Nicht der Trade. Die Psychologie davor.
Der eine große Trade ist nur dann ein Wendepunkt, wenn du die Person dahinter bereits verändert hast. Sonst ist er nur ein größerer Einsatz auf dieselbe Sucht.
Wer fünf Jahre brauchte, um diesen Trade zu verdienen — der weiß das. Wer nach drei Monaten auf seinen „großen Trade“ wartet, der hat die Lektion noch nicht verstanden.
Geheimhaltung: Das sicherste Warnsignal
Frag dich gerade ehrlich:
Weiß deine Familie, wie viel du wirklich in Trading investiert hast? Weiß dein Partner, was auf deinem Konto steht — oder was mal drauf war? Hast du schon mal einen Verlust kleingeredet oder gar nicht erwähnt?
Geheimhaltung ist das klarste Sucht-Warnsignal, das es gibt.
Nicht weil man „böse“ ist. Sondern weil der Süchtige auf einer unbewussten Ebene weiß, dass sein Verhalten nicht vertretbar ist — und die Konfrontation damit vermeidet. Mich hat damals der Gegenwind meiner Eltern, nachdem ich gestehen musste, wo das Geld hingegangen war, brutaler getroffen als der Verlust selbst.
Wenn du dein Trading-Konto vor jemandem versteckst, der dir wichtig ist: Das ist kein Zufall. Das ist ein Signal. Nimm es ernst.
Overtrading: Wenn „Lernen“ zur Zwangshandlung wird
Viel hilft nicht viel — aber mehr Cash schon
Es gibt eine romantische Vorstellung unter Trading-Anfängern: Mehr Zeit vor dem Chart bedeutet mehr Lernen. Mehr Trades bedeuten mehr Erfahrung. 8 Stunden am Tag am Rechner sitzen bedeutet Ernsthaftigkeit.
Das ist falsch.
Wissenschaftlich belegt: Trader, die am meisten handeln, erzielen im Schnitt die schlechtesten Renditen. (Barber & Odean, 2000 — eine der meistzitierten Studien der Behavioral Finance.)
Es geht nicht darum, wie viel Zeit du investierst. Es geht darum, ob du die Marktphasen erkennst, in denen deine Strategie funktioniert — und in welchen eben nicht. Es gibt genug Phasen, wo schlicht nichts geht. Kein Setup passt, kein Markt bewegt sich wie erwartet, kein klares Bild entsteht. In diesen Phasen vor dem Rechner zu sitzen und zu suchen ist Blödsinn. Was in solchen Zeiten wirklich hilft: mehr in das eigene Business investieren, mehr Geld zur Seite legen, die Kapitalbasis aufbauen.
Und hier kommt ein Punkt, den kaum jemand offen ausspricht:
Je mehr Kapital du hast, desto einfacher wird Trading.
Das klingt trivial. Ist es aber nicht. 10% Rendite auf 10.000 Euro sind 1.000 Euro. 10% auf 100.000 Euro sind 10.000 Euro. Gleiche Strategie, gleicher Aufwand, gleiche Qualität — zehnfaches Ergebnis. Wer mit kleinem Konto verzweifelt versucht, vom Trading zu leben, muss unverhältnismäßig viel Risiko eingehen. Wer ein solides Polster aufgebaut hat, kann mit deutlich weniger Risiko deutlich mehr erreichen.
Das bedeutet: Phasen, in denen der Markt nichts hergibt, sind keine verschwendete Zeit — wenn du sie nutzt, um außerhalb des Charts Geld zu verdienen und anzusparen.
Und jetzt zum Thema Prop Trading: Wenn du gerade denkst „Ich nehme einfach Fremdkapital, dann brauche ich kein eigenes Polster“ — dann stopp. Prop Trading klingt wie die Lösung. Es ist meiner Meinung nach überwiegend Verarsche. Du zahlst für Challenges, für Evaluierungen, für Wiederholungen. Die meisten Prop-Firmen verdienen ihr Geld nicht mit erfolgreich finanzierten Tradern — sondern mit dem Gebührenmodell darum herum. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Prop Trading bedient exakt denselben psychologischen Mechanismus wie das frühe Zocken. Der Druck, eine Challenge zu bestehen, der Kick wenn es läuft, der nächste Versuch wenn es nicht klappt. Interessiert dich? Hier die Wahrheit über Prop Trading!
Qualität vor Quantität. Wenn es kein Setup gibt, das deiner Strategie entspricht, ist der korrekte Trade: kein Trade.
„Macht es dir Spaß?“ — Die richtige Frage falsch verstanden
Jetzt kommt ein Punkt, bei dem ich häufig missverstanden werde. Also sage ich es klar:
Emotionen gehören ins Trading. Leidenschaft ist kein Problem. Der Kick ist das Problem.
Es gibt einen Unterschied zwischen diesen beiden Sätzen:
„Ich trade, weil ich Märkte faszinierend finde und es mir Freude macht, wenn eine Analyse aufgeht.“
„Ich trade, weil ich den Nervenkitzel brauche und mich das kurzfristige Auf und Ab antreibt.“
Der erste Satz beschreibt jemanden, der Trading als Handwerk betreibt. Der zweite beschreibt jemanden, der Trading als Droge benutzt.
Ich trade seit 16 Jahren. Ich finde Märkte heute noch genauso faszinierend wie am Anfang. Wenn ein Setup läuft, das ich wochenlang analysiert habe — das ist ein echtes Erfolgsgefühl. Ich habe gerade zwei kleine Trades offen, die seit Wochen warten. Wenn die ausgelöst werden und so laufen wie geplant: Das ist eine Befriedigung, die etwas über die Qualität meiner Arbeit aussagt.
Und jetzt kommt ein Punkt, den ich bewusst offen anspreche — weil er wichtig ist:
Ich bin kein perfekter Trader. Ich wäre sogar ein schlechter, wenn ich keine Regeln für mich selbst aufgestellt hätte.
Ich gehe gerne ins Casino. Ich zocke auch gerne mal am Chart. Das ist Teil meiner Persönlichkeit — und ich lüge mir da nichts vor. In der Ausbildung gebe ich Setups weiter, für die ich Verantwortung trage, und da arbeite ich sauberer als privat. Aber privat? Da juckt es mich manchmal. Da will ein Trade raus, der rein gar nichts mit meiner Strategie zu tun hat. Ich kenne das Gefühl. Ich habe es nicht ausgerottet. Ich habe nur gelernt, damit umzugehen.
Meine Lösung: Satelliten-Konten. Kleine CFD-Konten mit überschaubaren Beträgen. Wenn es mich in den Fingern juckt, wenn ein Trade nicht aus dem Kopf geht — dann landet der dort. Nicht auf dem Hauptkonto. Niemals. Das tut zwar auch weh, wenn es schiefgeht. Aber es zerstört nicht das, was ich über Jahre aufgebaut habe.
Das ist keine Niederlage. Das ist Selbstkenntnis. Und Selbstkenntnis ist das Einzige, was dich langfristig vor dir selbst schützt.
Das ist fundamental anders als der Kick beim 60-Sekunden-Trade.
Leidenschaft hält dich durch schlechte Phasen. Der Kick macht schlechte Phasen schlimmer — weil du dann noch mehr riskierst, um ihn zurückzubekommen.
Wer keinen Spaß am Trading hat, wird nicht durchhalten. Das ist auch wahr. Aber Spaß und Kick sind nicht dasselbe. Spaß entsteht durch Kompetenz, durch das Sehen von Mustern, durch das Erleben von Struktur. Der Kick entsteht durch Unsicherheit, Geschwindigkeit und Risiko.
Solange der Kick der primäre Antrieb ist, ist das Risiko zu hoch.
Trading ist Glücksspiel — bis du es als stupides Handwerk siehst
Das ist der Satz, der die meisten Trader wütend macht. Ich sage ihn trotzdem.
„Trading bleibt Glücksspiel, solange du darin kein Handwerk siehst.“
Was bedeutet das konkret?
Ein Handwerker, der eine Küche einbaut, macht keinen Trade. Er folgt einem Plan. Er hat ein Setup: Diese Schraube geht hier rein, dieser Abstand ist vorgeschrieben, das Material ist bekannt. Er improvisiert nicht aus Intuition. Er hat Qualitätskriterien — und wenn die nicht erfüllt sind, fängt er nicht an.
Ein professioneller Trader arbeitet genauso. Er hat klar definierte Kriterien, wann er einsteigt. Er kennt seinen Stop, bevor er den Trade öffnet. Er weiß, welche Marktphase zu seiner Strategie passt — und welche nicht.
Was er nicht macht: Er betreibt kein „schön analysieren“. Das ist der Begriff, den ich dafür verwende: Den Chart so lange hin- und herdrehen, andere Timeframes ausprobieren, die Skalierung wechseln, bis der Trade irgendwie gut aussieht. Man macht ihn. Man fällt auf die monetäre Schnauze. Und ein paar Tage später fragt man sich, was man da eigentlich gesehen haben will.
Solange du das machst — bist du kein Handwerker. Du bist jemand, der hofft.
Hoffnung ist keine Strategie. Sie ist der Restposten, wenn die Analyse aufgehört hat.
Und hier ein Satz, den ich bewusst hart formuliere: Der Markt ist immer effizient. Betteln und Beten vor dem Chart hilft gar nichts. Der Markt lebt vom dummen Geld. Solange du solche Entscheidungen triffst — bist du das dumme Geld.
Die fünf Warnsignale der Trading Sucht!
Hier ist die Liste. Lies sie durch. Und sei ehrlich:
1. Du tradest anders, wenn jemand zuschaut. Wenn du vor deinen Eltern, deiner Partnerin oder deinem Coach andere Trades machst als alleine — ist da etwas, das du weißt, aber nicht zugeben willst.
2. Du denkst nach einem Verlust als erstes daran, wie du ihn zurückholst. Das nennt sich Revenge Trading. Es ist kein Recovery-Plan. Es ist der nächste Satz im Sucht-Kreislauf.
3. Du erhöhst die Positionsgröße nach einer Verlustserie. Das ist das Martingale-Prinzip. Ich habe es selbst gemacht. Es führt immer zum selben Ende: irgendwann trifft der Verlust, der das ganze Konto löscht.
4. Trading ist dein emotionaler Ausgleich — nicht dein Beruf. Wenn du tradest, wenn du gestresst bist, wütend bist oder dich ablenken willst: Das ist nicht Trading. Das ist Selbstmedikation.
5. Du weißt nicht genau, wie viel du in den letzten 12 Monaten verloren hast. Nicht ungefähr — genau. Wenn du es nicht weißt, willst du es nicht wissen.
Was echtes Trading-Lernen von Trading-Sucht unterscheidet
Hier ist die Wahrheit, die in keiner Broker-Werbung steht:
Trading lernen ist langsam. Es ist unspektakulär. Es gibt keine Abkürzung, die funktioniert.
Ich habe meinen ersten wirklich profitablen Zeitraum nicht mit einem genialen Setup erreicht. Ich habe ihn erreicht, weil ich angefangen hatte, Timeframes zu erhöhen, Indikatoren rauszuwerfen und zu verstehen, dass eine Zone nicht Support oder Resistance ist — sondern beides sein kann, je nachdem wo du im Trend stehst.
Das klingt nicht nach 300% in einer Woche. Weil es das auch nicht ist.
Wer dir 300% in einem Monat verspricht, verkauft dir den Kick — nicht das Handwerk.
Der Unterschied zwischen den Menschen, die Trading dauerhaft betreiben, und denen, die es nach zwei Jahren aufgeben oder ruiniert sind, ist nicht die Strategie. Es ist die Fähigkeit, Langeweile auszuhalten. Die Fähigkeit, gute Setups abzuwarten, ohne etwas zu verpassen. Die Fähigkeit, nach einem Verlusttag einfach aufzuhören und am nächsten Tag neu anzufangen.
Das sind keine Eigenschaften, die jemand hat, der den Kick sucht. Das sind Eigenschaften, die jemand entwickelt, der Trading als Handwerk begreift.
„Ein professioneller Trader ist kein Mensch, der immer richtig liegt. Es ist ein Mensch, der sich professionell verhält.“
Was tun, wenn du dich wiedererkennst?
Erstens: Ehrlichkeit.
Nicht gegenüber deinem Coach, nicht gegenüber diesem Artikel — gegenüber dir selbst. Schreib auf, wie viel du in den letzten 12 Monaten in Trading investiert und verloren hast. Nicht schätzen — nachschauen. Dieser eine Schritt ist unbequemer als alles andere, das du je im Trading tun wirst. Und er ist der wichtigste.
Zweitens: Struktur vor Kapital.
Kein Mensch sollte echtes Geld einsetzen, solange er nicht mindestens 3 Monate ein Trading-Tagebuch führt und darin nachweisen kann, dass seine Strategie in bestimmten Marktphasen funktioniert. Nicht „meistens“, nicht „so ungefähr“ — nachweisbar, mit Zahlen.
Drittens: Positionsgröße runter, bis es wehtut.
Wenn dich ein Verlust nicht mehr juckt, ist die Position zu klein — oder du hast bereits abstumpft. Wenn dich ein Verlust in Panik versetzt, ist die Position zu groß — und du wirst Fehler machen. Die richtige Positionsgröße ist die, bei der du den Verlust wahrnimmst, aber trotzdem deinen Plan ausführen kannst.
Viertens: Hör auf, alleine zu traden, wenn du ein Problem hast.
Nicht im Sinne von Copy-Trading. Sondern im Sinne von Accountability. Jemanden, dem gegenüber du ehrlich sein musst. Einen Coach, einen Mentor, eine Trading-Gruppe, der du einmal pro Woche erklärst, was du gemacht hast — und warum. Das allein verändert das Verhalten mehr als jede Strategie.
Und fünftens: Wenn du erkennst, dass du nicht aufhören kannst — hör auf.
Nicht für immer. Für jetzt. Demo-Konto. Drei Monate. Komplett. Kein echtes Geld. Wer das nicht aushält, hat die Antwort auf die Frage, ob er ein Problem hat.
Das Fazit — Ein Satz, der bleibt
Ich habe mein erstes Konto fast vernichtet. Ich war am Rande der Privatinsolvenz. Ich habe Ratenzahlungsgeräte verscherbelt, um weiterzumachen. Und heute trade ich seit 16 Jahren, habe eine vermögensverwaltende GmbH, handle bei Interactive Brokers, und war Head Coach bei Kagels Trading.
Nicht weil ich besonders talentiert bin. Sondern weil ich irgendwann verstanden habe, was ich nicht tun darf.
Das ist die eigentliche Lektion.
Nicht die Strategie. Nicht der Indikator. Nicht die richtige Chart-Software oder der schnellste Rechner. Sondern das Wissen: Solange ich den Kick will, werde ich verlieren. Und wenn ich das Handwerk will, habe ich eine Chance.
„Trading wird dir nicht geben, was du willst. Aber es zeigt dir sofort, wer du bist.“
Nutze das.
Philipp Greineder ist Trader seit 2009, Head Coach bei Kagels Trading und Gründer von chart.tech. Er handelt hauptsächlich price-action-basiert mit Zonen-Ansatz, ohne Indikatoren, auf Swing- bis Daytrading-Zeitrahmen. In seinem Podcast „Back to the Trade“ spricht er regelmäßig über Trading-Psychologie, Fehler und den realistischen Weg zum profitablen Handel.
Wenn du Anzeichen einer Spielsucht oder Trading-Sucht an dir erkennst: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: 0800 137 27 00 (kostenlos, 24h) check-dein-spiel.de — Selbsttest und Beratung online
