💡 Fact: Saisonalität ist kein Einstiegssignal. Das ist der wichtigste Satz dieses Artikels, und der steht bewusst ganz am Anfang.
Wer erwartet, dass ihm ein saisonales Muster sagt, wann genau er long oder short geht, wird enttäuscht werden. Rohstoff-Saisonalität ist ein Kontext-Tool. Es sagt dir, ob du gerade auf einer Autobahn in eine Richtung unterwegs bist, oder auf einer kurvigen Landstraße gegen den Strom. Die Kurven nehmen, bremsen, beschleunigen — das musst du immer noch selbst.
Mit dieser Erwartung klar im Kopf ist Saisonalität aber ein echter Edge. Einer, den erschreckend wenige Trader überhaupt auf dem Schirm haben.
Was dich erwartet
Ich hab den Artikel in zwölf Abschnitte gepackt — aber keine Angst, du musst nicht linear durch:
- Warum Saisonalität funktioniert — Das Fundament. Warum sich bestimmte Muster wiederholen und wo die Grenzen dieser Logik liegen. Wichtig: erst lesen, dann handeln.
- Was Rohstoffmärkte treibt — Angebot, Nachfrage, Wetter, Geopolitik, Dollar. Die vier Treiber, die du kennen musst bevor saisonale Daten irgendeinen Sinn ergeben.
- Der Rohstoffkalender — Direkt im Artikel eingebettet. Alle relevanten Saisonalphasen für Energie, Metalle und Agrar auf einen Blick. Klick auf ein Segment für den Kontext dahinter.
- Energie, Metalle, Agrar — Die drei großen Rohstoffgruppen einzeln durchgeleuchtet: Öl, Gas, Gold, Silber, Weizen, Mais, Soja. Mit den Phasen, den Treibern und den Fallstricken pro Markt.
- Der TradingView Indikator — Kostenlos, direkt nutzbar. Wie er funktioniert, was er dir zeigt und wie du ihn sinnvoll in deine Analyse integrierst.
- Rohstoff-Devisen — Warum AUD, CAD und NZD direkt an Rohstoffpreise gekoppelt sind und wie du das als zusätzliche Confluence nutzt.
- Aktien, Forex und Crypto — Funktioniert Saisonalität auch dort? Ehrliche Antwort: ja, aber mit deutlich mehr Vorsicht. Was hält, was nicht.
- Tipps und häufige Fehler — Das Destillat. Was wirklich hilft und welche Fehler die meisten Trader mit Saisonalität machen.
Los geht’s.
Warum Saisonalität überhaupt funktioniert
Die ehrliche Antwort: weil bestimmte Dinge auf der Welt immer wieder zur gleichen Zeit passieren.
Weizen wird geerntet. Autos fahren im Sommer mehr. Menschen heizen im Winter. Indische Hochzeiten finden in bestimmten Monaten statt. Zentralbanken haben Haushaltszyklen. Diese Dinge sind nicht überraschend — sie sind strukturell, sie wiederholen sich, und sie beeinflussen Angebot und Nachfrage auf vorhersehbare Weise.
Saisonalität bildet genau das ab: die statistische Tendenz eines Marktes, in bestimmten Monaten häufiger zu steigen oder zu fallen. Nicht weil irgendein Algorithmus es so vorschreibt, sondern weil die Realität dahinter sich wiederholt.
Aber hier ist der Haken: Saisonale Muster sind Wahrscheinlichkeiten, keine Garantien. Ein Monat, der historisch zu 70 Prozent bullish war, ist in 30 Prozent der Fälle trotzdem gefallen. Geopolitik, Zentralbankentscheidungen, Ernteausfälle durch Extremwetter, Pandemien — das alles kann ein saisonales Muster kurzfristig vollständig überlagern.
📅 Überlebens-Tipp: Saisonalität sagt dir: Die Strecke vor dir hat meistens Rückenwind. Ob gerade ein Sturm aufzieht, siehst du erst im Chart..
Was Rohstoffmärkte treibt — die Fundamentals dahinter
Bevor wir zu den Mustern kommen, musst du verstehen, was diese Märkte überhaupt bewegt. Denn nur dann weißt du, wann du einem saisonalen Signal vertrauen kannst — und wann nicht.
Angebot und Nachfrage — aber richtig
Rohstoffpreise reagieren auf Angebot-Nachfrage-Gleichgewichte, nicht auf Unternehmensgewinne oder KGVs. Das klingt selbstverständlich, macht in der Praxis aber einen riesigen Unterschied.
Bei Aktien kannst du Jahresberichte lesen, Guidance analysieren, Managementaussagen bewerten. Bei Rohstoffen schaust du auf Lagerbestände, Produktionsmengen, Wetterdaten, Transportkapazitäten und politische Entscheidungen von Kartellen. Das ist eine komplett andere Informationslandschaft.
Die vier Haupttreiber
Wetter und Klima bestimmen Ernten, Heizbedarf und Wasserverfügbarkeit für Energie. Ein trockener Sommer im US-Corn Belt kann Maispreis in wenigen Wochen um 20 Prozent bewegen. Ein ungewöhnlich kalter Winter in Europa macht Erdgaspreise unberechenbar.
Geopolitik und Kartelle sind besonders bei Energie dominant. OPEC+ entscheidet über Fördermengen, Sanktionen gegen Russland verändern Gasflusswege, Konflikte im Nahen Osten erzeugen Risikoprämien auf Öl. Diese Faktoren können jeden saisonalen Rückenwind ad absurdum führen.
US-Dollar ist der wichtigste Querschnittseinfluss über alle Rohstoffmärkte. Da fast alle Rohstoffe in Dollar gehandelt werden, führt ein starker Dollar zu günstigeren Rohstoffpreisen für alle anderen — und damit tendenziell zu Nachfragerückgang. Ein schwacher Dollar macht Rohstoffe attraktiver. Diese Beziehung ist nicht perfekt, aber sie ist konstant genug, um sie immer im Hinterkopf zu haben.
Spekulatives Kapital und Positionierungen können kurzfristig das Bild dominieren. Wenn der Commitment of Traders Report zeigt, dass große Spekulanten bereits massiv long sind, ist das saisonale Signal zwar noch valid — aber der Markt hat es möglicherweise schon getradet.
Was das für Saisonalität bedeutet
Saisonale Muster sind am zuverlässigsten, wenn die fundamentalen Treiber dahinter strukturell und stabil sind — also bei Agrar (Ernte- und Aussaatzyklen), bei Energie (Heating und Driving Season) und bei Edelmetallen (asiatische Nachfragezyklen). Sie sind am wenigsten zuverlässig, wenn externe Schocks wie Geopolitik oder Zentralbankentscheidungen die Fundamentals überlagern.
Rohstoffkalender: Saisonale Phasen im Überblick
Hier siehst du auf einen Blick, welche saisonalen Phasen für die wichtigsten Rohstoffe gerade aktiv sind — und welche Monate historisch besonders relevante Tendenzen zeigen.
Rohstoffkalender
SaisonalHistorisch-saisonale Muster — prinzipieller Jahresverlauf, keine Echtzeitdaten.
Der Kalender zeigt dir die historischen Phasenmuster. Klick auf ein Segment für den Kontext dahinter — warum diese Phase existiert und was sie treibt.
Energie: Öl und Gas
Rohöl — die zwei großen Saisonalitäten
Rohöl hat zwei der bekanntesten und zuverlässigsten saisonalen Muster überhaupt.
Die Driving Season läuft von Mai bis August. Wenn die Amerikaner im Sommer massiv Auto fahren — und das tun sie, Millionen auf Highways und Interstates — steigt die Benzinnachfrage. Raffinerien arbeiten auf Hochtouren, Rohölvorräte werden abgebaut, der Preis bekommt tendenziell Rückenwind. Historisch war das ein verlässlicher Aufwärtsdrück, besonders wenn der Winter vorher keine außergewöhnlich hohen Lagerbestände hinterlassen hat.
Die Heating Season geht von Oktober bis Februar. Heizöl und Destillate werden nachgefragt, Lagerbestände schrumpfen. Besonders bei einem kalten Winter kann das Preise deutlich nach oben treiben.
Dazwischen liegt die schwache Phase von März bis April: Die Heizsaison ist vorbei, die Driving Season noch nicht da. Raffinerien warten auf den Sommer-Blend und fahren Produktion teils zurück. Historisch oft ein schwieriges Umfeld für Öl-Longs.
Das OPEC-Risiko: Zweimal im Jahr trifft sich OPEC+, typischerweise im Juni und Dezember, und entscheidet über Fördermengen. Diese Meetings können jeden saisonalen Trend dominieren — in beide Richtungen. Eine überraschende Fördermengensenkung im März kann die schwache Phase komplett wegwischen. Eine unerwartete Erhöhung im August kann die Driving Season abwürgen.
Das heißt: Bei Öl immer OPEC-Kalender und aktuelle Fördermengen-Diskussionen verfolgen, bevor du einem saisonalen Signal vertraust.
Natural Gas — das extremste Saisonal-Instrument
Erdgas hat die ausgeprägteste Saisonalität unter allen liquiden Rohstoffen. Der Grund ist simpel: Gas wird primär zum Heizen und Kühlen verwendet, und beides ist hochgradig wetterabhängig.
Injection Season (April bis September): Lageraufbau. Nachfrage ist schwächer als Produktion, Lager werden befüllt. Tendenziell Druck auf den Preis.
Withdrawal Season (Oktober bis März): Lager werden abgebaut. Wenn es kälter wird als erwartet, kann Gas explodieren — buchstäblich. Preisbewegungen von 30, 50 oder mehr Prozent innerhalb weniger Wochen sind bei Gas keine Seltenheit.
Achtung: Natural Gas ist nicht für schwache Nerven. Der Color Scale-Wert für Gas liegt bei 20 Prozent — zum Vergleich: Gold liegt bei acht Prozent. Das bedeutet, du brauchst deutlich mehr Puffer für Stops und musst deine Positionsgröße entsprechend anpassen. Saisonalität bei Gas zeigt dir die Richtung des Windes, aber Orkane passieren hier öfter als anderswo.
Metalle: Gold und Silber
Gold — kein Rohstoff wie jeder andere
Gold ist ein Sonderfall, weil es gleichzeitig Rohstoff, Währungssubstitut und Safe-Haven-Asset ist. Das macht seine Saisonalität interessant und manchmal widersprüchlich.
Januar und Februar sind historisch stark. Der Haupttreiber ist der Lunar New Year in China und anderen asiatischen Märkten, wo Schmucknachfrage saisonal ansteigt. Dazu kommen Safe-Haven-Käufe zu Jahresbeginn, wenn institutionelle Investoren Portfolios neu ausrichten.
März bis Mai ist die schwache Phase. Die Nachfrage nach dem asiatischen Neujahrsfest flaut ab, der Schmuckmarkt dreht auf einen ruhigeren Frühjahrsrhythmus.
Juli bis Oktober ist historisch die stärkste Phase des Jahres. Hier trifft indische Hochzeitssaison auf Diwali-Nachfrage. Indien ist nach China der weltgrößte Goldkonsument — Hochzeitsschmuck ist kulturell tief verwurzelt, und das erzeugt eine echte, wiederholbare Nachfragekurve.
Dezember zeigt oft eine leichte Jahresend-Rally durch institutionelle Positionierung.
Aber: Gold reagiert extrem sensibel auf Realzinsen. Wenn die US-Notenbank die Zinsen aggressiv erhöht oder der Dollar deutlich stärkt, kann das jede saisonale Tendenz überschreiben. Saisonalität bei Gold ist am wirkungsvollsten in Phasen relativer Zinsstabilität.
Silber — industrieller als du denkst
Silber wird oft als kleiner Bruder von Gold behandelt, ist aber fundamental anders. Rund 50 Prozent der Silbernachfrage ist industrieller Natur: Solarpanele, Elektronik, Elektrofahrzeuge, medizinische Anwendungen.
Januar bis April ist historisch stark, getragen von industrieller Frühjahrsnachfrage und Korrelation mit Gold. Juni und Juli schwächer, weil Industrienachfrage saisonal ruhiger wird. September bis November oft wieder stärker durch Diwali-Korrelation mit Gold.
Wichtig zu wissen: Silber hat einen deutlichen Hebel auf Gold. Wenn Gold in einer starken Phase läuft und Silber das bestätigt, ist das ein stärkeres Signal als jedes isolierte Muster.
Agrar: Weizen, Mais, Soja
Agrar-Rohstoffe haben die mechanischsten saisonalen Muster überhaupt, weil Aussaat und Ernte nicht verhandelbar sind. Die Erde dreht sich weiter, die Jahreszeiten kommen und gehen — und mit ihnen die Anbauzyklen.
Winterweizen
Aussaat in Europa und den USA: Oktober und November. In dieser Phase bestimmen Bodenzustand und Niederschlagsdaten den ersten Preisausblick für das Folgejahr.
Ernte auf der Nordhalbkugel: Juni bis August. Gleichzeitig kommen die USDA WASDE Reports (World Agricultural Supply and Demand Estimates) — die wichtigsten Fundamental-Daten für Getreide. Wer diese Reports ignoriert und nur auf Saisonalität setzt, handelt blind.
Juli und August bringen typischerweise Erntedruck, weil das Angebot maximal ist. Historisch oft bearish — außer bei ausgeprägten Ernteausfällen durch Dürre oder Frost.
Mais
Aussaat im US Corn Belt: April und Mai. Die Monate, in denen Wetter-Reports aus dem Mittleren Westen den Markt bewegen.
Die kritischste Phase ist die Pollination von Juni bis August. Wenn Hitze und Trockenheit zusammentreffen, entstehen Ernteausfälle, die innerhalb von Wochen massive Preisbewegungen auslösen können. Dieser Zeitraum ist für Mais-Trader der wichtigste des Jahres.
Ernte: September bis November. Angebotsdruck durch zunehmende Lagermengen, tendenziell bearish — außer die Ernte war schlechter als erwartet.
Soja
Brasilien liefert heute mehr Soja als die USA und erntet von Januar bis März. Das drückt tendenziell auf den Preis durch erhöhtes globales Angebot.
US-Aussaat: Mai und Juni. US-Ernte: September bis November — direkte Überlappung mit Mais, was Korrelationen erzeugt.
Der USDA-Faktor: Bei allen Agrar-Rohstoffen gilt: Der monatliche WASDE Report ist ein Marktbeweger erster Ordnung. Saisonale Tendenz spielt ihre Rolle über Wochen und Monate. USDA bewegt in Minuten. Beide Ebenen kennen und trennen.
Saisonalität im Chart lesen — TradingView Indikator
Jetzt weißt du, was hinter den Mustern steckt. Aber wie integrierst du das praktisch in deine Chart-Analyse?
Dafür haben wir den Seasonality Heatmap Indikator für TradingView entwickelt. Er läuft auf jedem Timeframe, berechnet alles auf Tagesbasis und zeigt dir auf einen Blick:
- Die monatliche Return-Heatmap der letzten 3 bis 20 Jahre
- Die historische Trefferquote (Bias) pro Monat
- Die Volatilität pro Monat — denn ein volatiler Monat verdient weniger Vertrauen als ein ruhiger
- Einen zusammengefassten Score von 0 bis 100 für den aktuellen Monat
- Den laufenden Monatsreturn im Vergleich zum historischen Durchschnitt
- Einen Status-Label: Bestätigt der Markt gerade das saisonale Muster, oder läuft er dagegen?
Der Indikator ist kostenlos und öffentlich auf TradingView verfügbar — kein Account bei chart.tech nötig, einfach suchen oder direkt aufrufen.
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Ein konkreter Tipp zur Nutzung: Schau dir den „Against Seasonal“ Status besonders genau an. Wenn ein Monat historisch stark bullish war (Score über 65), der aktuelle Monat aber klar negativ läuft — dann passiert gerade etwas, das du fundamental erklären können solltest. Entweder findest du den Grund (OPEC-Entscheidung, Ernteschock, Makro-Stress), oder du bist vorsichtig mit dem Trend-Trade nach unten. Mean-Reversion-Setups entstehen hier genauso wie Trendbrüche — aber keines davon ohne weiteren Kontext einfach blind handeln.
Rohstoff-Devisen: AUD, CAD, NZD — und warum sie daran hängen
Das ist der Teil, den viele Trader nicht auf dem Radar haben: Bestimmte Währungen sind strukturell mit Rohstoffpreisen verknüpft — weil die dahinterliegenden Volkswirtschaften stark von Rohstoffexporten abhängen.
AUD/USD — Australiens Ressourcen-Abhängigkeit
Australien ist einer der weltgrößten Exporteure von Eisenerz, Kohle und Gold. Wenn Rohstoffpreise steigen — besonders Industriemetalle — fließt mehr Geld nach Australien, der AUD wertet auf.
Die Verbindung zu China: Da China der Hauptabnehmer australischer Rohstoffe ist, reagiert der AUD auch stark auf chinesische Wirtschaftsdaten. Schwache PMI-Daten aus China oder sinkende Stahlproduktion drücken den AUD oft stärker als die Rohstoffpreise selbst.
Praktisch: Wenn du eine saisonale Stärke bei Industriemetallen erwartest und der AUD technisch und fundamental bestätigt, handelt es sich um ein Setup mit mehrfacher Confluence.
CAD/USD — der Petro-Dollar des Nordens
Kanada ist einer der größten Ölproduzenten weltweit, und der CAD reagiert direkt auf WTI-Ölpreise. Steigt Öl, stärkt der CAD tendenziell — fällt Öl, schwächt der CAD.
Diese Korrelation ist nicht perfekt, aber sie ist konsistent genug, um sie zu handeln. Besonders in Phasen saisonaler Öl-Stärke (Driving Season, Heating Season) kann USD/CAD-Schwäche — also CAD-Stärke — ein begleitendes Setup sein.
Ein häufiger Fehler: Den CAD als reines Öl-Derivat zu behandeln. Kanada hat auch eine entwickelte Wirtschaft mit eigener Geldpolitik, Arbeitsmarkt und Inflationsdynamik. Der Bank of Canada-Entscheidungszyklus überlagert Öl-Moves regelmäßig.
NZD/USD — Agrar und Soft Commodities
Neuseeland ist stark von Agrar-Exporten abhängig: Milchprodukte, Fleisch, Wolle. Der NZD korreliert damit weniger mit den Rohstoffen aus unserem Heatmap-Kalender (Öl, Gold, Getreide), ist aber interessant in Phasen globaler Rohstoffstärke generell, weil er als Risk-On-Währung gilt.
Die Milch-Connection: Fonterra, das dominante neuseeländische Milchkollektiv, veröffentlicht regelmäßige Auktionsergebnisse für Milchpulver. Diese Daten bewegen den NZD messbar — ein Beispiel dafür, wie länderspezifische Rohstoff-Fundamentals direkten Währungseinfluss haben.
Die wichtigste Erkenntnis zu Rohstoff-Devisen
Diese Währungspaare eignen sich nicht dafür, Rohstoff-Setups zu ersetzen. Sie eignen sich dazu, Confluence zu erzeugen. Wenn saisonale Rohstoffstärke, technisches Chartbild der Währung und makroökonomischer Kontext gleichzeitig passen — dann ist das stärker als jedes isolierte Signal.
Index-Korrelationen: Wo Rohstoffe auf Aktienmärkte treffen
Rohstoffpreise beeinflussen Aktienindizes — aber nicht alle gleich, und nicht immer in die gleiche Richtung.
Energie-Sektor und S&P 500
Steigende Ölpreise sind gut für Energieunternehmen (Exxon, Chevron, Shell) und damit für den Energie-Sektor. Gleichzeitig belasten hohe Energiepreise den Rest der Wirtschaft: höhere Produktionskosten, weniger Konsumausgaben. In normalen Marktphasen ist die Netto-Wirkung auf den S&P 500 ambivalent.
In Extremphasen — Öl über 100 Dollar, schnelle Preisverdopplung — wird der Effekt eindeutig negativ für Gesamtindizes, weil Inflation und Zinserhöhungen folgen.
Gold und Aktienindizes
Gold hat eine der stabilsten inversen Korrelationen zu Risk-Assets — zumindest in Stress-Phasen. In Risk-Off-Märkten (Rezessionsangst, Finanzkrise, Geopolitik) steigt Gold, während Aktien fallen.
In Risk-On-Bullmärkten kann Gold trotzdem steigen, wenn echte Inflationssorgen da sind. Diese Dekoupling-Phasen entstehen, wenn Realzinsen trotz steigender Nominalzinsen negativ bleiben.
Für Trader: Gold als Portfolio-Kontext nutzen. Wenn Gold trotz steigender Aktienmärkte Stärke zeigt, ist das ein Signal für latente Unsicherheit im System — und ein Hinweis, dass der Aktienmarkt nervöser ist als die Kurse suggerieren.
Agrar und Emerging Markets
Steigende Agrarrohstoffpreise treffen Emerging Markets überproportional, weil diese Länder einen größeren Anteil ihres Einkommens für Nahrung ausgeben und oft selbst Nettoimporteure sind. Weizen- und Maispreisanstiege drücken sich in Inflation in Ländern wie Ägypten, der Türkei oder Nigeria aus — und damit auf Währungen und Anleihen dieser Märkte.
Dieser Zusammenhang ist keine direkte Trading-Strategie, aber ein wichtiger Makro-Kontext: Wer EM-Exposures hat, sollte Agrar-Preisdruck im Radar behalten.
Saisonalität in Aktien, Forex und Crypto — ein kritischer Übertrag
Rohstoffe sind das Heimspiel für saisonale Analyse. Aber was ist mit den anderen Märkten?
Aktienindizes — Muster existieren, aber der Grund ist ein anderer
„Sell in May and go away“ ist das bekannteste Aktien-Saisonal-Muster der Welt. Und es ist nicht komplett falsch — historisch waren Mai bis Oktober an den meisten Aktienmärkten schwächer als November bis April. Das gilt für den S&P 500 genauso wie für den DAX.
Warum? Institutionelle Portfolioumschichtungen zu Halbjahresbeginn, dünnere Sommervolumen, die Tatsache dass große Kapitalallokationen oft im Herbst stattfinden. Das sind echte, aber weiche Treiber — viel weniger mechanisch als Ernte oder Heizsaison.
Die kritische Frage bei Aktienindizes: Unternehmensgewinne, Zinsen und Wirtschaftswachstum dominieren. Saisonalität ist hier noch mehr Kontext als bei Rohstoffen, und noch weniger handelbares Signal. Der Oktober 2022 war fundamental ein Kapitulationsmonat im Bärenmarkt — nicht ein Monate für saisonale Long-Setups, auch wenn „Oktober ist bullish“ historisch stimmt.
Einzelne Sektoren haben zuverlässigere Muster: Retail stark im Q4 durch Weihnachtsgeschäft, Energie-Sektor korreliert mit Öl-Saisonalität, Agrar-Unternehmen folgen Ernte-Zyklen. Hier ist saisonale Analyse auf Sektor-Ebene sinnvoller als auf Index-Ebene.
Earnings-Season als Saisonal-Störfaktor: Vier Mal pro Jahr — Januar, April, Juli, Oktober — berichten US-Unternehmen Quartalsergebnisse. Diese Phase erzeugt erhöhte Volatilität und kann saisonale Muster auf Einzelaktien vollständig überlagern. Bei Index-Trading ist der Effekt geringer, aber existent.
Forex — Saisonalität funktioniert, aber subtil
Im Devisenmarkt gibt es echte saisonale Muster, aber sie entstehen anders als bei Rohstoffen. Die Treiber sind makroökonomischer Natur: Fiskaljahrenden, Repatriierungsströme multinationaler Konzerne, Notenbank-Zyklen und saisonale Leistungsbilanzmuster.
USD hat ein bekanntes Jahresendmuster: Tendenz zur Stärke im Q4 durch Repatriierungsströme amerikanischer Unternehmen — und zur Schwäche im Januar, wenn institutionelles Kapital international diversifiziert wird. Das Muster ist real, aber nicht verlässlich genug, um allein darauf zu handeln.
JPY zeigt klassisches Risk-Off-Verhalten: In turbulenten Sommermonaten (typischerweise August) wird der Yen als Safe Haven gekauft, weil japanische Investoren Auslandskapital heimholen. Das Muster ist bekannt, und bekannte Muster werden im Vorfeld gehandelt — was sie teilweise selbst erfüllend, teilweise abschwächend macht.
EUR/USD reagiert auf EU-Haushaltspolitik: Jahresende bringt oft europäische Staatsausgaben-Peaks, was Euronachfrage stützen kann. Auch hier: Tendenz, kein Signal.
Die ehrliche Einschätzung zu Forex-Saisonalität: Sie ist am schwächsten von allen Märkten, weil Notenbank-Entscheidungen die Währungsmärkte jederzeit und ohne Vorwarnung dominieren können. Eine EZB-Überraschung, ein Fed-Pivot, eine SNB-Intervention — das überschreibt jedes saisonale Muster sofort. Saisonalität im Forex-Markt ist eher ein Long-Term-Kontext für Swing-Trader als ein operativer Einfluss.
Crypto — Saisonalität mit Ablaufdatum
Bitcoin hat Saisonalitätsdaten. Historisch war Oktober bullish, September bearish, Januar stark. Das stimmt — wenn du es in einem Post-Halving-Kontext betrachtest.
Und genau das ist das Problem.
Der Bitcoin-Kurs wird strukturell von einem etwa vierjährigen Halving-Zyklus dominiert. Die Halbierung der Block-Belohnungen reduziert das neue Angebot schlagartig, und die historischen Bullenmärkte danach haben die monatliche Saisonalität massiv geprägt. Ein „bullisher Oktober“ in den Daten enthält überproportional viele Oktober aus Post-Halving-Jahren — das ist kein saisonales Muster, das ist Halving-Regime-Bias.
Hinzu kommt: Crypto-Märkte haben noch nie eine vollständige Rezession oder mehrere vollständige Wirtschaftszyklen durchlebt. Die Datenbasis ist zu kurz und zu regime-abhängig, um daraus belastbare Saisonalitäts-Schlüsse zu ziehen.
Was trotzdem nützlich sein kann: Der Monatsdurchschnitt als Orientierungspunkt für den laufenden Monat — nicht als Signal, sondern als Baselevel-Erwartung. Wenn Bitcoin im historisch schwachen September deutlich positiv läuft, ist das ein Zeichen von Stärke, das beachtenswert ist. Aber das ist dann technische Interpretation, keine Saisonalität.
Der Indikator zeigt für Crypto-Assets einen automatischen Warnhinweis. Der steht dort aus gutem Grund.
Praktische Tipps und häufige Fehler
Tipps
Saisonalität als Filter nutzen, nicht als Signal. Bevor du einen Trade eingehst, frag: Läuft das saisonale Muster für oder gegen mich? Ein Trade mit dem saisonalen Rückenwind braucht weniger Überzeugung. Ein Trade gegen das Muster braucht deutlich stärkere andere Argumente.
Score und Trend gemeinsam bewerten. Ein saisonaler Score von 80 ist stark. Aber wenn der Chart einen klaren Abwärtstrend zeigt, ist das noch kein Kaufsignal. Erst wenn beides passt — saisonale Stärke und technischer Trend — ist die Confluence wirklich da.
Volatilität beachten. Der Indikator zeigt dir die historische Volatilität pro Monat. Ein Monat mit Score 70 aber Volatilität von 15 Prozent ist weniger zuverlässig als ein Monat mit Score 65 und Volatilität von drei Prozent. Niedrige Volatilität bedeutet: das Muster war konsistenter.
Weniger Jahre, mehr Relevanz. Zehn Jahre sind oft sinnvoller als zwanzig, weil Märkte sich strukturell verändern. Gold vor 2008 verhält sich anders als danach. Natural Gas vor dem Fracking-Boom hat andere Muster als heute. Zu viele Jahre können veraltete Regime einschließen.
USDA-Reports und OPEC-Meetings kennen. Diese Termine können saisonale Muster in Stunden überlagern. Den Kalender kennen und vor diesen Events vorsichtiger sein oder Positionen reduzieren.
Häufige Fehler
Saisonalität als alleinigen Handelsgrund nehmen. Das führt zu Trades, die statistisch in 40 Prozent der Fälle gegen dich laufen — ohne Stoploss-Logik, ohne Positionsgröße, ohne Plan. Das ist kein Trading, das ist Hoffen.
Den aktuellen Makro-Kontext ignorieren. Saisonale Muster wurden in normalen Marktphasen gebildet. Ein Rohstoffmarkt in einer globalen Rezession, einem Krieg oder einer Liquiditätskrise folgt anderen Gesetzen. Die Frage muss immer sein: Sind die Bedingungen, die dieses Muster erzeugt haben, heute noch intakt?
Crypto mit Rohstoff-Saisonalität vergleichen. Der Indikator zeigt für Crypto-Assets eine Warnung. Das ist berechtigt: Bitcoin folgt einem circa vierjährigen Halving-Zyklus, der monatliche Saisonalitäten vollständig dominieren kann. Ein bullisher Oktober bei Bitcoin könnte aus drei Post-Halving-Bullmärkten in den Daten stammen — das ist kein wiederholbares saisonales Muster, das ist Regime-Bias.
Zu viele Märkte gleichzeitig beobachten. Fang mit zwei oder drei Rohstoffen an, die du wirklich verstehst. Tiefes Verständnis eines Marktes schlägt oberflächliches Wissen über zwanzig Märkte immer.
Fazit: So integrierst du Saisonalität in dein Trading
Saisonalität ist eine Landkarte, kein Autopilot.
Sie zeigt dir die Wahrscheinlichkeiten, die historische Richtung, die typische Volatilität. Sie erklärt dir, warum bestimmte Monate schon immer schwieriger waren, und warum andere regelmäßig Bewegungen gezeigt haben.
Was sie dir nicht sagt: Wann genau du einsteigst, wo dein Stop liegt, wie groß deine Position sein soll, ob der aktuelle Fundamental-Kontext das Muster stützt oder widerlegt.
Das ist dein Job.
Nutze Saisonalität als erste Frage, bevor du einen Rohstoff-Trade planst: Habe ich gerade den saisonalen Wind im Rücken oder im Gesicht? Wenn der Wind im Gesicht ist, brauchst du deutlich stärkere andere Argumente. Wenn er im Rücken ist, ist das kein Freifahrtschein — aber ein echtes Stück Confluence.
Und Confluence ist im Trading das Wertvollste, was es gibt.
Live-Analysen, Trading-Streams und alle Indikatoren — im chart.tech Mitgliederbereich
Der Saisonal-Indikator auf TradingView ist kostenlos. Wenn du darüber hinaus Live-Streams mit konkreten Marktanalysen, direkten Zugang zu allen chart.tech Indikatoren und eine aktive Trading-Community willst — dann ist der Mitgliederbereich der nächste Schritt.
Kein Risiko für den Einstieg.
Dieser Artikel dient ausschließlich Bildungszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Trading in Rohstoffen und Derivaten birgt erhebliche Risiken. Vergangene Muster garantieren keine zukünftigen Ergebnisse.
